1. Episode: Erster Tag
Ein kurzer Film in der Morgendämmerung.

Regie: Angela Schanelec

2. Episode: Joshua
Es wirkt, das Wundermittel Promorganas, das dem notorischen Schwarzseher Levy die Augen öffnen soll. Eine große Fröhlichkeit ist plötzlich im Land, und der Mensch ist dem Mensch ein Helfer. Nach der zweiten Ampulle allerdings beginnt ein Trip der ganz anderen Art.

Regie Dani Levy

3. Episode: Der Name Murat Kurnaz
Am 21. Oktober 2008 erschien im Onlineportal der Süddeutschen Zeitung eines der wenigen Interviews, das Murat Kurnaz nach seiner Freilassung aus dem amerikanischen Gefangenenlager Guantanamo gegeben hat. Ein Zeitdokument.

Regie Fatih Akin

4. Episode: Die Unvollendete
Ein Dialog zwischen Susan Sontag, Ulrike Meinhof und Helene Hegemann.

Regie Nicolette Krebitz

5. Episode: Schieflage
Momentaufnahmen aus dem Leben dreier Menschen, deren Wege sich in einer Suppenküche für Kinder kreuzen.

Regie Sylke Enders

6. Episode: Der Weg, den wir nicht zusammen gehen
Eine Reise durch die Architekturlandschaft, gedreht auf altem Super 8-Material, Dokumentation des Verschwindens: Körper aus Stein, die alle noch die Geister der deutschen Vergangenheit des Nachkriegs bewahren; zum Abriss freigegeben, weil wir andere, unbelastete Körper wollen.

Regie Dominik Graf

7. Episode: Fraktur
Riesch Beintl, Industrieller vom Obersalzberg, muss unvorbereitet und schmerzhaft erfahren, dass die Frankfurter Allgemeine, Beintls Halt und Trost in der besten aller Welten, ihr Layout geändert hat. Als Reden nichts hilft, beschließt Beintl zu handeln.

Regie Hans Steinbichler

8. Episode: Eine demokratische Gesprächsrunde zu festgelegten Zeiten
In der vierten Klasse einer Grundschule im Münchner multikulturellen Stadtteil Hasenbergl bemüht sich eine junge Lehrerin um gewaltfreie Kommunikation mithilfe einer reformpädagogischen Methode: Im Klassenrat sollen die Kinder die Grundideen demokratischer Problemlösung erlernen.

Regie Isabelle Stever

9. Episode: Gefährder
Zu einer Zeit, in der ein Mann Innenminister ist, der 1994 einen Koffer mit 100.000 DM in bar von einem Waffenhändler entgegennahm, werden Listen von „Gefährdern“ erstellt, die das Prinzip der Unschuldsvermutung aufheben. Ab jetzt ist jeder verdächtig, bis er das Gegenteil beweisen kann.

Regie Hans Weingartner

10. Episode: Feierlich reist
Mehrmals im Jahr fliegt Feierlich, Vertriebschef eines Modelabels, seinen globalen Firmenkosmos ab. Eine knappe Woche, in der er sich die Reisestrapazen durch Systematisierung der Eindrücke erträglich macht. Etwas, was er nicht sehen kann, stört.

Regie Tom Tykwer

11. Episode: Ramses
Einblick in die Welt eines iranischen Barbesitzers, der in Berlin seit vielen Jahren eine kleine Animier-Bar in Ku’damm-Nähe betreibt. Das Portrait eines geheimnisvollen Ortes aus einer vergangenen Zeit.

Regie Romuald Karmakar

12. Episode: Krankes Haus
Schwerer Crash auf der Deutschlandbahn, Notaufnahme. Diese Klinik hat Platz für alle. Sozialinfarkt, suboptimales Humankapital, Defekte im moralischen Flexibilitätszentrum oder sozialverträglichen Frühableben. Aber es kann noch schlimmer kommen! Dr. Katelbach, der Spezialist, ist nicht zu finden. Vielleicht hilft ein Lied?

Regie Wolfgang Becker

13. Episode: Séance
Ein deutsches Märchen, das sich so oder ähnlich in der Zukunft zugetragen hat, auf der erdfernen Seite des Mondes.

Regie Christoph Hochhäusler

Über 60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, 40 Jahre nach dem studentischen Aufbruch 1968, 30 Jahre nach dem "Deutschen Herbst" 1977, 20 Jahre nach dem Fall der deutsch-deutschen Grenze 1989 und mitten im gesellschaftlichen Umbruch der "Agenda 2010" auf dem Weg in die globalisierte Welt des 21. Jahrhunderts, findet sich eine Gruppe von Kino-Regisseurinnen und Regisseuren aus Deutschland zusammen, um aus ihren individuellen Blickwinkeln ein Panoramabild der gesellschaftlichen und politischen Situation der heutigen Bundesrepublik zusammenzusetzen. Jeder der beteiligten Regisseure interpretiert seine persönliche Wahrnehmung und eigene filmische Sicht auf das heutige Deutschland, abstrakt oder konkret, frei in der Wahl des Formates und des Inhaltes. Die einzelnen Beiträge konnten Kurzspielfilme, Dokumentarfilme, essayistisch oder experimentell sein.

D 2009 - 150 Min.; ab 6;
Regie: Dani Levy, Fatih Akin, Nicolette Krebitz, Sylke Enders, Dominik Graf, Hans Steinbichler, Isabelle Stever, Hans Weingartner, Tom Tykwer, Romuald Karmakar, Wolfgang Becker, Christoph Hochhäusler
Darsteller: Josef Bierbichler, Dani Levy, Denis Moschitto, Benno Fürmann, Sandra Hüller, Jasmin Tabatabai, .

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Ein Stapel Zeitungen erwartet Beintl (Josef Bierbichler), als er von einer Reise nach Hause kommt. Bilderlose erste Seiten, Leitglossen und Leitartikel unter in Frakturschrift gesetzten Titeln, ein Berg von Buchstaben, Sätzen, Absätzen, schwarz auf weiß. Wie sie eben von ihren Anfängen an aussah, die Frankfurter Allgemeine Zeitung für Deutschland, und wie Beintl sie liebt. Am nächsten Morgen aber, als er die Zeitung sieht, erstickt er fast an seinem Kaffee. Es muss der 5. Oktober 2007 sein: ein Bild auf dem Titelblatt, die Fraktur verschwunden, stattdessen lesbarere Typographie, während Beintl doch der festen Überzeugung ist, dass, wer die Fraktur nicht entziffern könne, auch das deutsche Wesen nicht verstehe.

Beintl will den zeitgemäßen Wandel seiner Zeitung nicht akzeptieren. Erst versucht er, telefonisch seinen Protest bei der Redaktion kundzutun. Dann kauft er in seiner Gegend alle Exemplare auf. Und da er ein Speditionsunternehmen hat, kann er anordnen, dass seine Fahrer an jeder Tankstelle dasselbe tun. Und ihre Fracht nach Frankfurt bringen, wohin auch er sich aufmacht, um die Redaktion zu erschießen.
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Hans Steinbichlers Episode im Omnibusfilm „Deutschland 09“, zu dem sich dreizehn deutsche Regisseure zusammengefunden haben, um herauszufinden, was es heute mit diesem Land auf sich hat, ist eine Weile ziemlich komisch. Wer aus Liebe zu seiner, dieser Zeitung durch die halbe Republik fährt, kann kein ganz schlechter Mensch sein, so glaubt man eine Weile, auch wenn, typisch Steinbichler, Beintl vom Obersalzberg kommt, was ihm wie ein Charakterzug angehängt wird. Wenn dann die Zeitungsberge in Frankfurt brennen, wird einem aber schon etwas brenzlig zumute. Da Steinbichler allerdings die topographischen Verhältnisse nicht kennt und die Redaktion in einer Art Sozialbau untergebracht und ihr einen Chefredakteur an die Spitze gestellt hat, muss man den Massenmord am Ende weder als realistische Phantasie ansehen noch persönlich nehmen.

Episodenfilme wie „Deutschland 09“ haben immer mit dem Problem zu kämpfen, ganz unterschiedliche thetische und ästhetische Ansätze unter einen Hut bringen zu müssen. Da hilft es, ein gemeinsames Anliegen zu haben, wie es die Regisseure von „Deutschland im Herbst“ hatten, jenem Gemeinschaftswerk von Schlöndorff, Hauff, Fassbinder und anderen, die sich im Jahr 1977 zusammenfanden, um im vom Terrorismus zerrissenen Land Spuren einer eigenen, in Deutschland wurzelnden Identität zu finden. „Deutschland im Herbst“ ist das Vorbild für „Deutschland 09“, und ein bisschen muss sich dieser erneute Versuch, über Deutschland filmisch nachzudenken, daran messen lassen.

Es gibt in diesem Film außer der Steinbichler-„Fraktur“ noch einige gelungene Kurzfilme. Dominik Graf etwa zeigt in einem Filmessay auf altem Super-8-Material, was verschwindet - heruntergekommene Häuserzeilen in Duisburg, Berlin und Frankfurt, alte Fabrikgebäude in München -, und lässt darüber einen Text sprechen, der bewahrt, was diese Architektur erzählen könnte. Das wirkt wie ein alter Alexander-Kluge-Film und verhält sich zu Tom Tykwers Beitrag über einen Geschäftsmann, der überall auf der Welt und auch in Berlin dieselben Straßenansichten findet, immer in Häusern derselben Hotelkette absteigt, an denselben Läden vorbeirennt und im selben Coffeeshop denselben Kaffee trinkt, wie ein Kontrapunkt. Aber solche Verbindungen ergeben sich zwischen anderen Beiträgen von „Deutschland 09“ nicht.

Die witzigste Episode stammt von Romuald Karmakar, der den iranischen Betreiber einer Animierbar im alten West-Berlin befragt und in seiner trockenen, unsuggestiven Art Antworten provoziert, die einem in ihrer schreienden Obszönität den Atem verschlagen. Der Barbesitzer, der offenbar schon jahrzehntelang dieses Lokal betreibt, hat alles gesehen, und fast alles ist in seiner Bar erlaubt. Und wie er darüber spricht, als Geschäftsmann eben, und dann am Ende von seinem Heimweh erzählt und dass er noch mal nach Iran reisen will, das hat eine ganze eigene, ziemlich schräge Poesie.

Auch wenn es noch andere gelungene Episoden gibt - etwa die von Christoph Hochhäusler, mit welcher der Film endet und in der die Deutschen inzwischen erinnerungslos auf dem Mond leben -, kommt der Film künstlerisch nicht zusammen. Das ist unter Episodenfilmen kein Einzelschicksal und hat vor allem damit zu tun, dass es kein Gemeinsames gibt, weder ästhetisch noch gedanklich, auf das sich alle bezögen. Dafür ist in Deutschland im Jahr 09 für alle Platz, für die Melancholiker wie die Optimisten, die Spinner wie die Verschwörungsgläubigen. Und das ist dann doch eine gute Nachricht.