Wenige Tage vor Ende des 2. Weltkrieges ergibt sich an der Ostsee-Küste eine ungewöhnliche Patt-Stellung: Acht russische Soldaten quartieren sich in einem Waisenheim ein und werden fast nur freundlich empfangen. Die deutschen Truppen in Sichtweite wollen auch nicht mehr kämpfen und so entsteht für kurze Zeit eine Insel im Kriegstreiben. Mit sicherer Inszenierung und gutem Spiel gelingt Regisseur Achim von Borries ein Antikriegs-Film, der tatsächlich das Pausieren vom Krieg in unerwarteten Stimmungen erlebbar macht.

Deutschland / Russland / Ukraine 2011 - 97 Min.; ab 12;
Regie: Achim von Borries;
Darsteller: Pavel Wenzel, Aleksei Guskov, Andrej Merzlikin, Grigoriy Dobrygin, Angelina Häntsch, Gertrud Roll, Petra Kelling, Alexander Held
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Achim von Borries, Regisseur von „England!“ (2001) und „Was nützt die Liebe in Gedanken“ (2004), musste sieben Jahre auf seinen dritten Kinofilm warten. Er nutzt nun nach einigen TV-Krimis und Drehbüchern die Chance, das Historiendrama „4 Tage im Mai“ stilsicher und mitnehmend zu präsentieren. Bei der internationalen Premiere auf dem 64. Filmfestival von Locarno 2011 zählte „4 Tage im Mai“ zu den Favoriten für den Publikums-Preis der Piazza Grande.
Der Antikriegs-Film „4 Tage im Mai“ dreht sich um die historisch verbriefte Begebenheit einer kleinen russischen Truppe, die in den letzten Tagen vor der deutschen Kapitulation ein Waisenhaus an der Ostsee einnimmt. Sieben Soldaten unter ihrem Hauptmann (Aleksei Guskov) werden fast ausnahmslos freundlich empfangen. Die Leiterin stammt aus dem zaristischen St. Petersburg und spricht daher russisch. Wie auch der tragische, 13-jährige Held Peter. Als einziger Junge unter den Waisen will er Mann spielen und das blonde Dienstmädchen Anna beschützen. Während eine Kollegin von einer anderen Einheit verschleppt wurde, versteckt sich die junge blonde Frau auf dem Heuboden.
Als deutsche Truppenreste am Strand in Sichtweite nach Dänemark übersetzen wollen, erhofft sich der vom Nazitum infiltrierte Junge dorther Hilfe. Aber auch diese Soldaten haben genug vom Krieg. So arrangiert man sich in einer seltsamen Pattsituation. Im Waisenhaus ergibt sich ein fast paradiesisches Zusammenleben. Peter, der so gerne Krieg spielen wollte, findet im Hauptmann einen väterlichen Freund, der sieht in dem deutschen Kind seinen gefallenen Sohn. Als jedoch ein besoffener russischer Offizier die gemeinsame Feier des Kriegsendes unterbricht und Anna als Beute fordert, gibt es eine letzte Schlacht, in der Russen gegen Russen und Deutsche zusammen mit Russen kämpfen...
Die Idee zum Film stammte von Hauptdarsteller und Ko-Produzent Aleksei Guskov, der als verhinderter Dirigent aus „Das Konzert“ auch bei uns bekannt wurde. Erstaunlich friedlich und harmonisch zeigt sich Krieg in „4 Tage im Mai“: Gräuel werden nur angedeutet, Schrecken ereignet sich allein im Off. „Ich habe den Jungen zu der wahren Geschichte hinzu erfunden und versuche, das Ganze aus einer naiven und kindlichen Perspektive zu erzählen,“ erklärte Achim von Borries die ungewöhnliche Sichtweise. So entsteht in dieser einzigartigen, isolierten Situation eine seltsame Patt-Stellung, bei der es immer wieder Treffen der feindlichen Truppen, aber lange keine Gefechte gibt.
Von Borries referiert bewusst nicht auf bekannte deutsche Antikriegs-Filme wie „Die Brücke“, „Das Boot“ oder „Ich war 19“. Aber auch Guskov setzt sich von der viel zahlreicheren Tradition sowjetischer Kriegsfilme ab. Die ungewöhnliche Entscheidung, Russen von Russen spielen zu lassen und die Wehrmachts-Krieger mit Deutschen zu besetzen, sorgt ebenso wie die Beibehaltung der jeweiligen Sprachen ohne Synchronisation für größere Glaubhaftigkeit. Die ungewöhnliche Episode aus dem Mai 1945 fand eine ungewöhnliche, aber bis ins Detail durchdachte Umsetzung, die von Produzent Stefan Arndt (X-Filme) und von Borries sowohl gegen russische als auch gegen deutsche Vorbehalte durchgesetzt wurde. Mit dem Glücksfall eines interessanten und sicher viel besprochenen Films, der auch internationales Publikum stark bewegte.
Günter H. Jekubzik (programmkino.de)