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"Capote" begibt sich nie auf das Glatteis, auf dem typische Biopics zumeist ins Schlingern geraten. Bennett Millers beachtliches Regiedebüt ist zu keinem Moment daran interessiert, Eckpunkte der Biographie seines Sujets abzuhaken und durch die Jahrzehnte zu hecheln, nur um dann festzustellen, dass einem die Person, um die es geht, immer noch genauso fremd ist wie zuvor. Ausgehend von einem brillant pointierten Drehbuch von Dan Futterman, engt der Regisseur den Fokus vielmehr ein, so sehr tatsächlich, dass die Psyche des legendären Truman Capote hier wie im Brennglas unter die Lupe genommen und seziert wird: Verhandelt werden die wenigen Jahre, von 1959 bis 1966, in denen der gefeierte Autor von "Frühstück bei Tiffany" und Mittelpunkt jeder High-Society-Party, der in den USA bekannt war wie ein bunter Hund, an "Kaltblütig" arbeitete, jenes epochale Werk der Literatur, der das Genre des Tatsachenromans begründete. In der New York Times liest Capote von einem Mord an einer ganzen Familie in einer Kleinstadt in Kansas. Mit seiner besten Freudnin Nelle Harper Lee macht sich der kleine, untersetzte Mann mit den femininen Gesten und der unverkennbar säuselnd-lispelnden Kinderstimme auf den Weg vor Ort, um für den New Yorker darüber zu berichten. Die Ankunft Capotes im amerikanischen Hinterland ist wie die Landung eines Außerirdischen, und Miller nutzt diese Szenen des Aufeinanderpralls gänzlich konträrer Welten und Weltanschauungen einerseits für humorvolle Auflockerung, andererseits aber auch als Einführung in die Arbeitsweise Capotes, der seine offenkundige Andersartigkeit nutzt, um das Vertrauen der Menschen zu gewinnen. Das zahlt sich aus im Herzstück des Films: Wenn sich der Artikel zusehends zur Obsession, zur Sysiphus-Arbeit auswächst, weil Capote zu einem der beiden mittlerweile gefassten Killer eine enge Freundschaft schließt und ihm sogar einen Anwalt beschafft, um endlich die dringend benötigte Information über den Mord aus erster Hand zu bekommen, dann ist man als Zuschauer hin- und hergerissen: Sind Capotes Absichten integer - oder spielt er mit den zum Tode Verurteilten nur ein Spiel, weil er sonst den Roman nicht beenden kann? Um nicht weniger und nicht mehr als den Preis, den man für Ruhm und kreative Befriedigung zahlen muss, geht es hier, in dieser eindringlichen und zunehmend elektrisierenden Studie der Einsamkeit eines Genies, das vor den Augen des Zuschauers an sich selbst zerbricht. Streng sind die Bilderkompositionen, die Miller und seinem Kamermann Adam Kimmel gelingen und den Seelenzustand der Protagonisten widerspiegeln. Vor allem bereiten sie aber Philip Seymour Hoffman die Bühne für eine der monumentalsten One-Man-Shows, die es seit langem im Kino zu sehen gab: Wie dieser unverkennbare Charakterschädel förmlich in seiner Figur zu verschwinden scheint, bis nur noch Truman Capote übrig ist, das ist jeden Award dieser Welt wert.
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