Das Musiker nach ihrem frühen Tod zu mythologischen Figuren stilisiert werden ist nichts Neues. Neben Kurt Cobain ist fraglos Ian Curtis, Sänger der Post-Punk-Band Joy Division, das größte musikalische Idol der letzten 30 Jahre. Der Fotograf und Videoclip-Regisseur Anton Corbijn schafft es in seinem Debütfilm über weite Strecken die Person hinter dem Mythos zu zeigen. Ein brillant gefilmtes Denkmal für einen großen Künstler.
GB/USA 2007 - 121 Min.; ab 12;
Regie: Anton Corbijn;
Darsteller:
Samantha Morton, Sam Riley, Alexandra Maria Lara, Joe Anderson, James Anthony Pearson, Tony Kebbell, Craig Parkinson, Harry Treadway, Richard Bremner.

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Am 18. Mai 1980 erhängte sich Ian Curtis im Alter von nur 23 Jahren, in dem schmucklosen Reihenhaus, in dem er mit seiner Frau Deborah und ihrer gemeinsamen Tochter lebte. Wenige Tage später hätte er mit seiner Band Joy Division zu einer Tour nach Amerika aufbrechen sollen. Obwohl Joy Division zum Zeitpunkt von Curtis Tod erst eine Platte veröffentlicht hatten (eine zweite erschien Posthum), wurden sie in kürzester Zeit zu einer der einflussreichsten Bands ihrer Zeit. Bis heute zitieren Bands die Musik Joy Divisons und spielen Coverversionen ihrer Songs. Für Generationen von Fans ist Ian Curtis zu einem Idol geworden, dessen Popularität sich mit der anderer berühmter Toten des Rock ’n’ Rolls wie Jim Morrison, Jimi Hendrix oder Kurt Cobain vergleichen lässt.
Angesichts dieser Legendenbildung, die unabhängig der (spärlichen) Fakten über Curtis Leben sprießt, ist es umso bemerkenswerter, was „Control“ ist, vor allem aber nicht ist.

Der holländische Fotograf Anton Corbijn kannte die Band persönlich, er schoss einige der berühmtesten Fotos von Curtis, bevor er in den 80er Jahren zu einem gefragten Rock-Fotografen wurde. Vor allem seine Fotos von „U2“, in ihrem typischen grobkörnigem schwarzweiß sind unverwechselbar, während er in Deutschland nicht zuletzt durch Fotos und Videos für Herbert Grönemeyer bekannt ist. (Der Sänger ist in einem kurzen Gastauftritt zu sehen.) Vielleicht war es gerade die Nähe zu Joy Divison und ihrer Musik, die es Corbijn ermöglichte einen Film zu drehen, der sich jeglicher Mythenbildung entzieht. Basierend auf den persönlichen Erinnerungen von Curtis Witwe Deborah, zeichnet „Control“ die Geschichte von Joy Division, vor allem aber von Curtis nach. Aufgewachsen in Macclesfield, unweit von Manchester, lebt Ian Curtis ein unscheinbares Leben. Er arbeitet im Sozialamt, ist schon mit 19 Jahren verheiratet und sieht einem wenig aufregenden Leben entgegen. Ob es die Hoffnung war, diesem Leben zu entkommen, die Curtis zur Musik brachte bleibt wie so vieles offen. Eher beiläufig erzählt der Film wie sich die Mitglieder von Joy Division finden, erste wenig erfolgreiche Auftritte absolvieren und schließlich doch einen Plattenvertrag bekommen. Über weite Strecken gelingt es Corbijn ausschließlich über die Bilder zu erzählen, die gleichzeitig von großer Perfektion sind, ihre Qualität aber nie ausstellen. Die Zerrissenheit von Curtis Charakter, der unter Epilepsie litt, ein oft unangenehmer Kontrollfreak war und zwischen konservativem Leben in der Kleinstadt und Rock ’n’ Roll Exzessen hin und her gerissen war, erschließt sich auf subtile Weise. Erst mit der von Alexandra Maria Lara gespielten belgischen Journalistin Annik Honoré, die Curtis Geliebte war, verfällt der Film in die plakativen Dialoge, die er bis dahin vermieden hat. Doch die meiste Zeit ist „Control“ ein bemerkenswert subtiler, zurückgenommener Film, der nicht versucht genaue Antworten zu geben. Das ist einerseits eine große Qualität führt allerdings auch zu einer gewissen Distanz zu den Figuren und dem Film als Ganzem. Uneingeweihte, die nicht ohnehin an Joy Division und Ian Curtis interessiert sind, könnte es schwer fallen nachzuvollziehen, was an dieser Band und ihrem Sänger so besonders ist. Für Fans und Kenner der Band und ihrer Musik aber ist „Control“ eine Fundgrube. In erstaunlich komischen Szenen werden die späten 70er zum Leben erweckt, die Amateurhaftigkeit des damaligen Musikgeschäftes gezeigt. Besonders in den Figuren von Rob Gretton, Manager der Band und Tony Wilson, legendärer Gründer des Nachtclubs Hacienda und der Plattenfirma Factory (der Hauptfigur in Michael Winterbottoms Film „24 Hour Party People“ ist, ein komplementärer Film, in dem Joy Division Nebenfiguren sind), entwickelt „Control“ einen sehr britischen Charme. Und mit Sam Riley hat Anton Corbijn einen Hauptdarsteller gefunden, der Ian Curtis verblüffend ähnlich sieht und in einigen großartigen Liveszenen die Intensität der Musik von Joy Division so nahe bringt wie es nur möglich ist.