Vor sechs Jahren wurde er fast der mächtigste Mann der Welt. Ein höchst umstrittenes Wahlergebnis samt Gerichtsurteil, das Nachzählungen untersagte, machten damals George W. Bush zum Sieger. Der Verlierer und bisherige Vize-Präsident Al Gore zog sich aus der aktiven Politik zurück. Er engagierte sich als Umweltaktivist, warnte mit einer famosen Multimedia-Show vor der globalen Erwärmung – genau von dieser Tour erzählt die Dokumentation. Klingt nach öder Öko-Show für Gutmenschen? Nach bekanntem Betroffenheits-Blabla zum Abnicken? Keineswegs: diese Doku wird zu einer furiosen Mischung aus realem Horror-Thriller, Politkrimi und unterhaltsamer Aufklärung – ein charismatischer Kopf wie Gore macht’s möglich. In Sundance gab es dreifach stehende Ovationen. Bei uns könnte dieser wohl wichtigste Film der nächsten fünf Jahre zum Programmkino-Klassiker geraten. Mit massivem Medieninteresse und Publikumssympathie darf gerechnet werden.
Dokumentation
(An Inconvenient Truth)
Prädikat: besonders wertvoll
USA 2006;
96 Min.; ab 0;
Regie: Davis Guggenheim;
Darsteller:
Al Gore.

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Eine Filmdokumentation über die globale Erwärmung und die Folgen, die genau zur richtigen Zeit kommt. Der ehemalige amerikanische Vize-Präsident Al Gore, der durch undurchsichtige Wahlauszählungen in Florida Stimmen verlor und nicht Präsident wurde, hat sich dem unbequemen Thema Klimakatastrophe zugewandt und tourt mit einer Multimedia-Show durch die Welt, um die Menschen aufzurütteln. Anfänglich muss man sich etwas an die medienpädagogische und steife Vortragsweise gewöhnen, aber nach und nach verliert der sympathisch wirkende Al Gore mit offenem Hemdkragen die lehrerhafte Attitüde, auch wenn er mit Schautafeln und Grafiken arbeitet, wie es so mancher Schüler aus dem Unterricht gewohnt ist.

Was die Worte nicht erklären können, erklären die Bilder. Man sieht den Kilimandscharo, dessen einst verschneite Spitze immer mehr verschwindet und der - bleibt es bei der Geschwindigkeit - im Jahr 2020 schneefrei sein wird, oder Gletscher, die in rasantem Tempo vor sich hinschmelzen, steigende Meeresspiegel, die die Küsten bedrohen. Wissenschaftlich und akribisch erläutert er die Ursachen für die nahende Katastrophe und zieht ein deprimierendes Resümee: Lassen wir alles so, wie es ist, ändern Politiker, Industrie und Privatleute nicht ihr Verhalten, wird unsere Zukunft der Vergangenheit angehören. Was Al Gore erzählt, der sich launig als "ehemaliger nächster Präsident der Vereinigten Staaten" vorstellt, ist für Europäer nicht unbedingt neu, aber die kompakte Vermittlung verfehlt ihre Wirkung nicht. In Amerika übernimmt der Demokrat die Aufgabe des aufklärerischen Mahners, denn in God's own Country hält man bisher von Energiesparen wenig, ökologisches Denken gilt weithin als unamerikanisch.

Schon in der Clinton-Regierung engagierte Gore sich für globalen Umweltschutz, 1992 schrieb er das Buch "Wege zum Gleichgewicht. Ein Marshallplan für die Erde". Während seiner Ausführungen wirft er mit Fachbegriffen um sich, dann wieder bringt er leicht verständliche Fakten - so fallen die zehn wärmsten Jahre in die Zeit nach 1990, und 2005 war das wärmste Jahr seit Beginn der Wettermessung, der globalen Erwärmung folgen zunehmend Hurricans, Katrina war nur der Anfang.

Nicht bierernst, sondern manchmal sogar mit feinem Humor malt Gore das Untergangsszenario an die Wand und gibt auch Hinweise, wie wir die Katastrophe vermeiden können - beispielsweise durch Nutzung erneuerbarer Energien, Einsparung, Schadstoffreduktionen oder Entwicklung neuer Energietechnologien. Gore eifert nicht, sondern überzeugt in großer Ruhe als Experte. Ganz nebenbei lernt der Zuschauer den Menschen Al Gore kennen, der von den ihn prägenden Erlebnissen berichtet, die ihn zum Umdenken brachten - wie der frühe Tod seiner Schwester an Lungenkrebs, der fast tödliche Unfall seines Sohnes, seine dubiose Wahlniederlage im Jahr 2000. Der Mann, der schon mit einem Fuß im Oval Office stand, gibt sich unprätentiös und glaubhaft, hat eine Mission. Irgendwie ist es aber auch traurig, ihm zuzuschauen. Denn es stellt sich unweigerlich die Frage, was wäre, wenn man Al Gore seinen Wahlsieg nicht weggenommen hätte? Natürlich wagt man sich damit in das Reich der Spekulation. Aber wahrscheinlich gäbe es weder Irak-Krieg noch einen drohenden Iran-Krieg, wäre die Welt ein bisschen friedlicher.