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Auch im reifen Seniorenalter darf man noch Träume haben. Zum Beispiel den, wie einst Anita Ekberg in Fellinis „La Dolce Vita“ im Trevi-Brunnen zu stehen. Krankheit und fehlende Partner können ein solches Vorhaben jedoch erschweren. Doch nichts ist unmöglich, erst recht nicht, wenn eine Liebe im Alter für den nötigen Rückenwind sorgt. Marcos Carnevales die kleinen Zipperlein und Marotten des Alters mit einem liebevollen Blick betrachtende Komödie huldigt ganz der Vorlage Fellinis und ist zudem eine Hymne an das Leben schlechthin.
Was ist das wohl für ein Gefühl, wenn plötzlich die eigenen, längst erwachsenen Kinder über das Wohl und Wehe ihrer Eltern bestimmen? Wenn der besorgte Sohn der todkranken Mutter ständig nachtelefoniert, um möglichst im Bilde zu sein, wenn die in ihrer senilen Vergesslichkeit mal wieder einen Bockmist geschossen hat? Oder wenn die Tochter mit dem ungestümen Elan eines ganzen Regiments Möbelpacker und Restfamilie beim Einzug ihres soeben zum Witwer gewordenen Vaters in ein kleineres Appartement umher scheucht? Kaum zeigen die Eltern Zeichen von Alter oder Gebrechen, schon sind sie dem Club der Unmündigen zugeordnet.
Diesen Wandel im Rollenverhältnis zwischen betagten Eltern und ihren erwachsenen Kindern bringt Marcos Carnevales argentinisch-spanische Komödie auf eine liebevoll heitere und doch sehr realistische Weise zum Ausdruck, das Schielen auf (Schwieger)Vaters Ersparnisse inklusive. Man kann dabei die Schweigsamkeit des in sich gekehrten Alfredo (Manuel Alexandre) durchaus verstehen: mit ihrem temperamentvollen Geplapper schwallt Tochter Cuca (Blanca Portillo) jeden, der ihr in den Weg kommt, zu. Dies führt denn auch zu einem vorhersehbaren Missverständnis. Denn Javi, Freds Enkel, hat beobachtet, wie eine ältere Dame aus dem Haus beim Ausparken rückwärts auf Mamas Autos auffuhr zu Wort aber kommt der aufgeweckte Junge bei seiner quirligen Mutter kaum.
Der kleine Crash und seine Schadensbegleichung führen den hypochondrischen Fred und seine quirlige neue Nachbarin, die Unfallverursacherin Elsa (China Zorrilla) erstmals zusammen. Hinter dem Rücken ihrer Kinder und Enkel entwickelt sich zwischen ihnen eine ebenso romantische wie auch tragische Freundschaft. Denn erst nach und nach kommt Fred dahinter, dass Elsa ihm kleine Lügen auftischt. Doch was bedeuten die schon in Anbetracht des großen Glücks, das dem betagten Paar auf seine letzten Tage noch beschert ist. Mit ihrer direkten, unverstellten Art trägt Elsa genau jene Charakterzüge, die nötig sind, den korrekten und konservativen Fred aus der Reserve zu locken, ihn aufzutauen. Manchmal kommen einem die beiden vor, als seien sie kleine, glücklich miteinander spielende Kinder. Von Elsa lernt Fred, das Leben neu zu entdecken und zu genießen, ohne dabei seine Situation als älterer Mensch zu vergessen. Diese Offenheit, dem begrenzten Leben positiv entgegen zu treten, sie überträgt sich auch auf den Zuschauer, ist anrührend, herzlich und ehrlich zugleich. Sehr gut beschrieben ist die Emotionalität des Films auch mit jenem Titel eines Gemäldes, das Elsas als Künstler arbeitender Sohn bei einer Vernissage präsentiert. „Explosion des Schmerzes“ heißt es, und drückt in wilden feurigen Farben aus, was sich an Gefühlen in mancher der Figuren anstaut.
„Elsa & Fred“ ist zuvorderst eine Geschichte über das Träumen und das Leben. Anita Ekberg und Marcello Mastroianni werden dabei nicht nur für das Titelpaar zum Vorbild, letztendlich inspirierte insbesondere die Szene am „Trevi-Brunnen“ auch Regisseur Marcos Carnevale zu seinem Film. „Ich träumte, dass ich eines Tages selber einen Film oder zumindest eine Szene wie die von Anita und Marcello am Trevi-Brunnen drehen würde.“ Seine beiden Hauptdarsteller, die vor allem in Argentinien bekannte und aus Uruguay stammende China Zorrilla und der Spanier Manuel Alexandre, sind in Spanien als beste Darsteller für den Goya nominiert. Mit ihren exzellent gespielten Figuren fordern sie geradezu auf, das Leben in seinen vollen Zügen zu genießen.
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