Dokumentation;
Österreich 2005 -
96 Min.; o. A.;
Regie: Erwin Wagenhofer;
Darsteller: (Interviews) Jean Ziegler, Peter Brabeck, Karl Otrok

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Trailer (deutsch)
Mit Tomaten fing das Dokumentarfilmprojekt für den österreichischen Filmemacher an. Wagenhofer wollte wissen, wo die auf dem Wiener Naschmarkt verkauften Paradeiser denn her kommen. Der Weg führte ihn nicht etwa in Nachbars Garten, sondern in den Süden Spaniens, wo um Almeria herum der Welt größtes Gewächshausgebiet besteht. Nun ist es ja nicht so, dass Verbraucher hierzulande nicht wüssten, dass die Masse des im Super- und längst auch auf dem traditionell von lokalen Anbietern beschickten Wochenmarkt gehandelten Gemüses unter solchen Bedingungen wächst. Die bis ans Ende des Horizontes reichende Fülle an Gewächshäusern verblüfft, nein: schockiert aber dann doch. Absurder noch: ein Teil der hier billigst und häufig auch mit staatlichen Subventionsgeldern produzierten Ware findet sich später auch auf afrikanischen Märkten wieder. Im Senegal zum Beispiel, wo es deutlich unter dem Preis heimischer Produkte angeboten wird. Die Folge: die afrikanischen Bauern verkaufen ihre eigenen Produkte nicht mehr, verlieren dadurch ihre Existenz, sind gezwungen, ihr Land zu verkaufen, emigrieren (oft auch illegal) Richtung Europa, landen möglicherweise in Almeria, wo sie als billige Arbeitskräfte in den Gewächshäusern selbst Teil einer paradoxen Wertschöpfungskette werden.
Erwin Wagenhofer spart es sich, die Stationen dieses geschilderten Szenarios filmisch festzuhalten. Knappe, in den Film eingeblendete Aussagen dieser Zusammenhänge oder Sätze aus dem Mund von Jean Ziegler, UN-Sonderberichterstatter für das Menschenrecht auf Nahrung, reichen aus, um das Dilemma, an dem letztlich auch der Konsument mit seiner Kaufentscheidung Anteil hat, deutlich zu machen. Angenehm an Wagenhofers Film: er bewertet nicht, er hält sich nüchtern an Fakten, zeigt aber Missstände auf und appelliert an das persönliche Verantwortungsbewusstsein des Zuschauers.
Als ein weiteres Beispiel dient dem Österreicher die vor allem für Futtermittel so notwendige Produktion von Soja. Für sie fallen in Brasiliens Bundesstaat Mato Grosso Unmengen von Regenwald der Motorsäge zum Opfer. Er zeigt die Situation auf dem Land in Rumänien, wo Hybridsaatgut auf dem Vormarsch ist und den kleinen Bauern Konkurrenz macht. Dass neu designte Genfood-Früchte geschmacklich nichts mehr mit ihren Urahnen zu tun haben, den Verbraucher scheint es nicht zu stören. Hauptsache der Geldbeutel bleibt geschont. Aufschlussreich ist auch das Kapitel über die Fischfangmethoden und –erfahrungen in der Bretagne, nahe gehend der Besuch in einer Geflügelfabrik. Dort sorgt die maschinelle Fließbandabfertigung auf der einen Seite für Staunen ob der ausgeklügelten Verwertungskette, gleichzeitig widert der seelenlose Umgang mit dem ein paar Bilder zuvor noch flaumig aus dem Ei geschlüpften putzigen Federvieh an.
Ähnlich wie der von der Globalisierung der Weinproduktion und der Vernetzung des weltweiten Weingeschäfts handelnde „Mondovino“ von Jonathan Nossiter macht „We feed the world“ Zusammenhänge deutlich, offenbart sich auch die manchmal seltsame Rolle der EU. Dass Peter Brabeck, Konzernchef von Nestlé International voller Stolz berichtet, wie sein Unternehmen durch die Schaffung von Arbeitsplätzen Anteil am Gemeinwohl der Gesellschaft hat, ist keinesfalls zynisch. Hier vertritt ein Mensch eine Ansicht, die sein Job von ihm verlangt. Auch Karl Otrok, Produktionsleiter des weltgrößten Saatgutherstellers Pioneer in Rumänien, gibt sich loyal, leugnet aber auch nicht die Schattenseiten seines Metiers: „Wir sollten uns damit abfinden, dass es bald kein Lebensmittel mehr gibt, das gentechnikfrei ist.“
Dem entgegen zu wirken ist ein Anliegen von „We feed the world“. Mit seinen aussagekräftigen Bildern bietet Erwin Wagenhofer nicht nur sachliche Information, sondern auch Nahrung für das Auge. Spannend dürfte sein, welche Dynamik der Film unter Verbrauchern verbreiten wird, und wie die zahlreichen Organisationen – zum Beispiel aus dem Bereich Biologischer Lebensmittelproduktion, Humanitärer Hilfsgemeinschaften oder dem Umweltschutz – auf ihre Interessen aufmerksam machen können. Dazu Erwin Wagenhofer: „Wir können so sicher nicht weiterleben. Wir müssen anders leben, wir müssen anders essen, anders einkaufen, wir müssen andere Filme anschauen.“