Eine große Tanzfläche, einige Stellwände für Projektionen und veränderbare Raumeindrücke, Spiegel und richtig eingesetzes Licht mehr benötigt Regisseur Carlos Saura nicht, um einmal mehr sein Publikum in die intensive spannungsreiche Welt des Flamenco zu entführen. Seit Jahren begeistert der inzwischen 75-Jährige mit seinen von dieser Musik geprägten Filmen. Sie zelebrieren den Schwebezustand zwischen Proben und Aufführung, betonen die rohen, kostbaren Momente, wenn musikalischer und tänzerischer Ausdruck zur Perfektion reifen und öffnen so wie nebenbei den Blick für die Individualität seiner Künstler/innen. Auch für "Iberia" hat er die besten Musiker/innen, Tänzer/innen und Sänger/innen gefunden, die sich der Vielschichtigkeit des Flamenco öffnen.
"Iberia" ergänzt den Flamenco mit klassischem Ballett, modernem Tanz und scheut sich auch nicht vor Einflüssen der HipHop-Kultur. In Maßen, versteht sich, denn "Iberia" wurde durch die Klavierkompositionen von Isaac Albéniz inspiriert, und der lebte von 1860 bis 1909. Umso spannender, wie Saura in den 18 Stücken den Bogen zwischen Tradition und Moderne spannt und nebenbei die verschiedensten Regionen Spaniens in Tanz und Musik charakterisiert.
Kurz nach Beginn zeigt Patrick De Bana in "Bajo la Palmera" sein Können, ganz unspektakulär in G-Star-Jeans und Sportjacke kommt er daher, doch was der Schlacks mit Mimik und seinen stampfenden Absätzen bewirkt, öffnet die Augen für die Seele seines Tanzes. Schweben in "Córdoba" blau, weiß und schwarz verschleierte Frauen zu den einst von den Mauren inspirierten Klängen, erinnern sie ein bisschen an das Wolkenspiel im leuchtenden Blau des andalusischen Himmels. Mondäner und jazziger kommt "Cádiz" daher, und in "Almeriá" buhlen zwei junge Männer um eine Schöne der eine mit klackendem Flamenco-Stakkato, der andere mit angedeutetem Streetgang-Posing. Und dann sind da noch die klassischen Momente, "Granada" ist erfüllt vom melancholisch ernsten Gesang Enrique Morentes, und in "Albaicín" beweist Sara Baras einmal mehr ihr tänzerisches Talent. "Iberia" hat noch vieles in petto. Diese Reise lohnt sich.