„Import Export“, der neue Film von Ulrich Seidl, ist in seiner schonungslosen Darstellung menschlicher Abgründe eine konsequente Fortführung von „Hundstage“ und geht doch viel weiter. In seiner formalistischen Konstruktion, die zwei Erzählebenen neben- und gegeneinander stellt, ohne dass sie sich berühren, entwirft Seidl ein harsches Bild vom Zusammenwachsen Europas. Natürlich ist der hier präsentierte Ausschnitt der Welt nicht vollständig, beschränkt sich fast vollständig auf die unteren Sphären der Gesellschaft. Und dennoch ist „Import Export“ ein hellsichtiger Blick auf eine zusammenwachsende Welt, die sich auf nicht immer erfreuliche Weise kontinuierlich ähnlicher wird.
"Atemberaubend ist der Humor, der nun auch in diesen Bildern steckt, und die Menschlichkeit, die sich in den unerwartsten Momenten plötzlich Bahn bricht – als müsse dieser Filmemacher, der nunmehr in die Riege der großen Meister aufgerückt ist, nur lange genug dorthin schauen, wo sonst niemand mehr hinblickt, um eine gänzlich eigenwillige Form der Schönheit und Wahrheit zu finden.“
(Die Süddeutsche Zeitung, Tobias Kniebe)
Drama;
Österreich 2007 - 135 Min.; ab 16;
Regie und Buch: Ulrich Seidl;
Musik: Shantel
Darsteller:
Ekateryna Rak, Paul Hoffmann, Georg Friedrich, Natalija Baranova, Michael Thomas, Susanne Lothar.

importexport.ulrichseidl.at

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Snizne, Ukraine. Hier ist die ehemalige Sowjetunion so grau und heruntergekommen, wie man sich das vorstellt. Vorbei an Müllhalden, über verschneite Gleise, immer im Schatten des Reaktors im Hintergrund geht Olga (Ekateryna Rak) jeden Morgen zur Arbeit. Immerhin hat sie Arbeit, als Krankenschwester, doch bezahlt wird sie nur unregelmäßig. Mit Nebenjobs versucht sie genug Geld für sich, ihre Mutter, ihren Bruder und ihr kleines Kind zu verdienen, mit denen sie in einer Plattenbausiedlung lebt, in der es weder Heizung noch fließend Wasser gibt. Eine Freundin verschafft ihr eine Stelle in einer Art Globalisierungsjob: Vor Internetkameras präsentiert sie ihren nackten Körper und muss sich von Kunden aus dem Westen in erniedrigende Positionen befehlen lassen. Bald darauf lernt sie den richtigen Westen kennen. Eine Freundin in Wien verschafft ihr einen Job als Kindermädchen, doch schnell wird sie entlassen und findet sich wieder in einem Krankenhaus. Als Schwester jedoch darf sie nicht arbeiten. Stattdessen putzt sie in der Geriatrie, wo sie erlebt wie der Westen mit seinen alten, nutzlosen Menschen umgeht.
Wien, Österreich. Paul (Paul Hoffmann) trainiert, um einen Job als Sicherheitsbeamter zu bekommen. Kaum angenommen wird er des Nachts von einer Gruppe Halbstarker gedemütigt und ist erneut arbeitslos. Im Gegensatz zum Osten bedeutet das im Westen zwar keine soziale Not, aber lähmende Langeweile und mit Trinken verbrachtes Nichtstun. Er besucht alberne Beratungsseminare, leiht sich Geld von Freunden und bekommt schließlich einen neuen Job. Zusammen mit seinem Stiefvater Michael (Michael Thomas) soll er alte Spiel- und Kaugummiautomaten in der Slowakei und der Ukraine aufstellen. In den verfallenden Wohnsilos wirken die bunten Automaten wie absurde Fremdkörper, doch für die Bewohner wirken sie wie ein Symbol des Westens, der so nah und doch so fern erscheint. Nach der Arbeit trinken sie und versuchen in den ranzigen Nachtbars des Ostens ein williges Mädchen zu finden.
Ganz formalistisch stellt Ulrich Seidl die beiden Ebenen gegeneinander, die sich nicht berühren, aber in vielerlei Hinsicht spiegeln. Man könnte einwenden, dass die Sphären, die Seidl ausgewählt hat, in keiner Weise repräsentativ für die jeweiligen Gesellschaften als Ganzes sind, aber das würde zu kurz greifen. Denn es wäre zu leicht „Import Export“ als bloße Unterschichtenstudie abzutun, die keinerlei Relevanz für bürgerliche Schichten hat. Die Folgen der desolaten Verhältnisse in Teilen Osteuropas sind bis in den Westen zu spüren. Und das gerade Internetsex und Prostitution Branchen sind, in denen Kunden aus allen gesellschaftlichen Schichten des Westens, die Armut Osteuropas Ausnutzen ist offensichtlich. Das alles zeigt Seidl in für seine Verhältnisse fast zurückhaltende Weise. Zwar ist sein Blick immer noch von schonungsloser Härte geprägt, der nicht zurückweicht, egal was er sieht. Doch im Gegensatz zu „Hundstage“ sind in „Import Export“ die Momente tiefster Erniedrigung rar, was diesen brillanten Film allerdings in keiner Weise leichter zu ertragen oder gar harmloser macht.