Mit brillanter Bildkraft und satirischem Blick entlarvt Todd Field Lügen und Geheimnisse der Mittelschicht hinter der Fassade von bigotter Bürgerlichkeit, erzählt intensiv von existenzieller Verunsicherung und paranoider Grundstimmung in Amerikas Suburbia.
Drama/Komödie
USA 2006 - 136 Min.; ab 16;
Regie: Todd Field;
Darsteller:
Kate Winslet (Sarah Pierce),
Patrick Wilson (Brad Adamson),
Jennifer Connelly (Kathy Adamson),
Gregg Edelman (Richard Pierce),
Sadie Goldstein (Lucy Pierce),
Ty Simpkins (Aaron Adamson),
Noah Emmerich (Larry Hedges).


www.littlechildren.de (incl. dt. Trailer)

www.imdb.com

Trailer (english)

Figurinen in putzigen Kleidchen, aufgerissene Äuglein, knallrote Mündchen - der alltägliche Horror ist zu ahnen. Wer in diesem Ambiente aufwächst, muss gestört sein, wie der Pädophile Ronnie McGorvey, der nach zwei Jahren Knast wieder zu Muttern zieht und die Nachbarschaft in helle Aufregung versetzt, vor allem einen Ex-Cop, der zum Überwachungsfeldzug aufruft und mit dem Steckbrief des Hassobjekts den idyllischen Vorort zupflastert. Hier geht man um 21.30 zu Bett, hat dienstags zu festen Zeiten Sex und bevorzugt akkurate Menschen, so akkurat wie die Grünflächen vor den hübschen Häuschen. Kein Wunder, dass die junge Sarah trotz Diplom in Literaturwissenschaft als Hausfrau und Mutter vor sich hinfrustet ohne näheren Kontakt zu den Geschlechtsgenossinnen, die sich in Versorgungsehen eingerichtet haben. Als Hausmann Brad, für die biederen Moms der "Prom-King", auf dem Spielplatz mit Söhnchen auftaucht, ändert sich alles für die vernachlässigte Ehefrau, deren Mann gerne mit Slip auf dem Kopf vor einer Porno-Website hastig onaniert. Nach einer braven Schamfrist beginnen die beiden eine heiße Affäre - ohne Happy End. Todd Field ("In the Bedroom") macht keinen dieser typischen Mittelklasse-Filme, die ihre Protagonisten der Lächerlichkeit preisgeben, auch wenn er erbarmungslos nach dem titelgebenden Roman von Tom Perrotta durch die glatte Oberfläche bohrt und den Menschen bei ihren persönlichen Katastrophen zuschaut. Da flüchtet sich Sarah in die Rolle einer modernen Madame Bovary, bewundert Brad stundenlang Teens beim Skateboarden, statt für das Examen zu büffeln, interessiert sich seine attraktive Gattin als Dokumentarfilmerin für die Probleme anderer, statt ihre eigenen in den Griff zu bekommen, hat der größte Maulheld und Moralist Schuld auf sich geladen. Die verkorksten Erwachsenen verhalten sich unreif wie Kinder, irrlichtern verloren in den Abgründen der Angst, schwelgen in Illusionen und falschen Hoffnungen, fallen unsanft auf den Boden der Tatsachen. Ganz gespenstisch Phyllis Somerville als überbeschützende Mutter des Triebtäters, die ihn gegen jegliche Logik unbedingt unter die Haube bringen will und gebetsmühlenhaft ermahnt "ein guter Junge" zu sein, mit monströsen Folgen. Dieses Meisterwerk mit suggestiver Erzähler-Stimme spielt in derselben Liga wie "American Beauty" und "Magnolia". Jede der komplex angelegten Charaktere erhält eine Tiefe, fulminant Kate Winslet an der Endstation Sehnsucht. Trotz aller emotionalen Spannung und Dramatik lässt Todd auch Momente befreienden Lachens zu, das allerdings im Halse stecken bleibt, wenn Massenpanik im Freibad ausbricht, hysterische Eltern ihre Sprösslinge aus dem Wasser zerren, nur weil der "Perverse" mit Schnorchelbrille zwischen den Kids paddelt. In dichter Atmosphäre verknüpfen sich die losen Enden der einzelnen Lebensgeschichten, der Haupt- und Nebenlinien, und enden in einem furiosen Showdown. Gut und Böse sind relativ.