Die Sprache des Tanzes ist universell. Genauso universell, wie es Emanzipations- und Coming-of-Age-Geschichten sind. Diese hier handelt von der Selbstfindung eines Jugendlichen, der die Erfahrung der ersten Liebe macht. Die auf zahlreichen Festivals gefeierte israelische Produktion Love & Dance orientiert sich an so bekannten und erfolgreichen Tanzfilmen wie Billy Elliot – I Will Dance und der Dokumentation Mad Hot Ballroom ohne jedoch die kulturelle Identität ihres eigenen Schauplatzes zu vernachlässigen.
(Sipur Hatzi-Russi)
Drama/Tanzfilm
Israel 2006 - 90 Min.; ab 0;
Regie: Eitan Anner;
Darsteller: Vladimir Volov, Valeria Voevodin, Talya Raz, Evgenya Dodina, Avi Kushnir, Oksana Korostyshevskaya, Kirill Safonov, David Kogen, Liron Alzrky, Aviel Kogen.

www.love-and-dance-film.de (incl. Trailer)

www.imdb.com

Die Liebe, diese Sache zwischen Mann und Frau, muss eine diffizile Angelegenheit sein. Chen ist 13, im Grunde noch ein Kind; von der Liebe hat er keine Ahnung, aber er beginnt zu begreifen, dass dieses Miteinander irgendwie nie so recht funktionieren will. Das, was er immer wieder miterlebt, das sind vor allem heftige Streitereien, messerscharfe Auseinandersetzungen zwischen Mann und Frau. Sein Vater, ein derber, patriarchalischer Kerl, verdient sein Geld als Hochzeitsfotograf. Aber am Ende ist es Chen, der mit seiner Videokamera die echten Bilder filmt: das frisch getraute Paar, das sich streitet bis aufs Blut, während draußen im Saal die ausgelassene Hochzeitsgesellschaft feiert.

Auch bei Chens Eltern hängt der Haussegen schief. Seine Mutter, eine nach Israel immigrierte Russin, leidet unter der Lieblosigkeit ihres misstrauischen Mannes. Doch inmitten der alltäglichen Tristesse in der israelischen Provinz, die auch nach Jahren weit davon entfernt ist, Heimat zu sein, gibt es kleine Fluchten: Es gibt das Tanzen. Als Chen seine Mutter eines Tages begleitet, verliebt er sich in die kleine, tanzende Natalie. Eine eigene Magie umgibt sie, wie sie sich bewegt zur Musik, seltsam entrückt, mit einer Eleganz und Leichtigkeit und Schönheit. Das sind Bilder, die er nicht mehr vergessen kann. Chen fackelt nicht lange: Obwohl er eigentlich Judo lernt, wechselt er in den Tanzkurs, um Natalie kennen zu lernen. Man hat ähnliches schon im Kino gesehen, man denkt an Billy Elliot, den kleinen Arbeitersohn, der plötzlich Balletttänzer werden will. Aber während es in dem grandiosen Film von Stephen Daldry in erster Linie um die Liebe zum Tanz, zum Ballett, geht, ist bei "Love & Dance" vielmehr die Liebe selbst das große, zentrale Thema.

Von Yulia, der Tanzlehrerin, wird Chen eine Menge lernen. Sie begreift das Tanzen als Schule fürs Leben, auch als Beziehungslehre: "Ein Paar hilft einander, ist füreinander da, vertraut sich. Das ist harte Arbeit." Sie weiß, wovon sie spricht, ist ihre eigene Ehe doch gescheitert. Chen wird also tanzen lernen, wenn auch nicht zusammen mit Natalie. Aber wenn er mit seiner Tanzpartnerin Sharon auf den Dächern der schäbigen Wohnsiedlung Cha-Cha-Cha und Rumba übt, dann wohnt diesen Bildern jene Poesie inne, wie das sie Kino liebt. In diesen Momenten ist alles für einen Augenblick ganz leicht und schön, auch wenn man nur allzu gut weiß, wenn die Musik jetzt aufhört, dann ist alles auf Anfang, back to reality: die Probleme, die Sorgen, die Angst.

Eitan Anner hat einen komplexen Familienfilm gedreht, das Tanzen dient ihm lediglich als Metapher. Tatsächlich geht es um weit mehr: um scheinbar unüberbrückbare Unterschiede zwischen den Kulturen, zwischen Israelis und Russen, und um das Verschiedensein von Mann und Frau. Aber sein Film stiftet hier und da dennoch Hoffnung. Und er lässt uns auch schmunzeln: Es gibt zum Beispiel diesen kleinen Jungen, der in einem Pappkarton umhertingelt und jedem, der ihn küsst, 50 Shekel verspricht. Das ist eine Menge Geld für einen Kuss. Dabei fällt ein Kuss so leicht: ein Moment des Glücks, hingehaucht, und alles ist vergessen.