Immer wieder ist es der Tango, der Männer zum Träumen bringt zuletzt erlag ja Richard Gere im Remake des japanischen „Shall we dance“ dem verführerischen Tanz und seiner melancholischen Musik. Doch anders als ein aufdringlicher Charmeur (Olivier Claviere) im Tangokurs hat sich der Mittfünfziger Jean-Claude (Patrick Chesnais) auf Anraten seines Arztes in der gegenüber seinem Büro liegenden Tanzschule eingefunden. Ein bisschen Bewegung kann dem Gerichtsvollzieher schließlich nicht schaden. Als sich Francoise (Anne Consigny), die ihn als Sohn ihres einstigen Kindermädchens identifiziert, vor dem zum Flirten aufgelegten Tanzkollegen an seine Seite flüchtet, weckt dies bei Jean-Claude leise Hoffnungen auf eine Romanze. Da weiß er jedoch noch nichts von ihrer bevorstehenden Hochzeit, die letztlich auch der Grund für den Besuch des Tangokurses ist.
Von Berufs wegen ist Jean-Claude angehalten, mit Gefühlen hinterm Berg zu halten. Durch die Begegnung mit Francoise merkt er, wie sehr er dadurch aber zu einem emotionslosen Maskenträger und Eisklotz geworden ist, was sich auch am höflich-distanzierten Verhältnis zu seinem Sohn offenbart. Der erste, der dies zu spüren bekommt, ist sein stets missgelaunter und nörgelnder Vater im Altersheim, kurz darauf herrscht der Gerichtsvollzieher bei einer Zwangsräumung zwei herumalbernde Polizisten wegen ihres Gekicheres an. Doch so gewaltig das Wortgewitter in beiden Fällen ausfällt, schon im jeweils nächsten Moment bestimmt bereits wieder Schweigen den Fortgang der Geschichte, ruht der Blick der Kamera auf dem faltenreichen Gesicht des sich seiner Einsamkeit immer bewusster werdenden Jean-Claude.
Auch Francoise, die ja kurz vor der Hochzeit steht, wird in ihrem leicht euphorisierten Verlobungsstadium aufgrund der Ereignisse aus ihrer Gefühlsbahn geworfen und erliegt wohl auch deshalb der unausgesprochenen Annäherung ihres Tanzpartners. Weder bei ihr noch bei ihm entspringt das Verhalten jedoch einem Kalkül, sondern eher einer Unsicherheit und Sehnsucht, die im Schweigen den größtmöglichen Ausdruck findet.
Die Sehnsucht nach Nähe, die Unsicherheit in der Begegnung, die Schüchternheit der Worte und die teils schmerzlichen Erinnerungen an die eigene Vergangenheit finden in der Tat in den melancholischen Klängen des Tangos ihre Entsprechung. Mit Christoph Müller und Eduardo Makaroff hat Regisseur Stéphane Brizé zwei Mitglieder des „Gotan Project“ für den Soundtrack gewinnen können, ganz subtil sorgen ihre auch elektronisch unterfütterten Kompositionen für eine bestmögliche, aber kaum in den Vordergrund drängende Untermalung dieses von existenzialistischen Gefühlen handelnden Films. In dieser Hinsicht ist „Man muss mich nicht lieben“ den Filmen Aki Kaurismäkis ganz nahe. Andere Vergleiche gingen jedoch auch schon in Richtung von Sofia Coppolas „Lost in Translation“, was (dem hier stark an Jean Rochefort erinnernden) Patrick Chesnais ein Lob als französischem Bill Murray eingebrachte.