|
In seinem mutigen Wettbewerbsbeitrag zur Berlinale 2005 schildert der palästinensische Regisseur Hany Abu-Assad ("Rana's Wedding") den letzten Tag zweier Selbstmordattentäter, die sich auf dem Weg zum Ort des Anschlags aus den Augen verlieren. Während der Film Mord an keiner Stelle gut heißt, fordert er dazu auf, sich mit den Menschen und ihren Beweggründen mindestens auseinander zu setzen. Zum größten Teil in Nablus selbst auf und 35 mm gedreht, ist "Paradise Now" gleichzeitig realitätsnah und außerordentlich kunstvoll, distanziert und erschütternd.
Khaled und Said sind schon seit Kindertagen befreundet. Inzwischen sind sie Anfang 20, arbeiten in derselben Autowerkstatt und vertrödeln ihre Freizeit gemeinsam. In wenigen, präzise gewählten Szenen, porträtiert Abu-Assad ein ganz normales Leben in Nablus, ein Leben ohne große Träume und ohne Perspektiven, aber dennoch nicht das schlechteste. Immerhin sind da Freunde, Arbeit, Familie, und vielleicht sogar Liebe. Suha beispielsweise braucht auffällig lange, um ihr Auto abzuholen und hat sichtlich ein Auge auf Said geworfen.
Noch am selben Abend werden Khaled und Said zu Jamal zitiert. Sie sind ausgewählt worden, um in Tel Aviv das nächste Selbstmordattentat zu begehen. Zuvor dürfen sie noch eine letzte Nacht mit ihrer Familie verbringen, die natürlich nichts wissen darf. Am nächsten Morgen werden sie im Quartier der Terroristen rasiert und in auffällig unauffällige Anzüge gesteckt. Vor einer Videokamera, MG in der Hand und Palästinensertuch um die Schultern, verlesen sie ihren letzten Willen. Dann werden umständlich die Sprengsätze an die Körper montiert, ein Chefterrorist schickt die beiden mit salbungsvollen Worten auf den Weg und es geht los zur Grenze.
Nahe der Grenze schlägt der ursprüngliche Einsatzplan fehl, Said und Khaled verlieren sich aus den Augen und müssen fliehen. Mindestens die Hälfte des Films verbringen sie damit, einander zu suchen. Dabei begegnen sie Familie und Freunden noch einmal, darunter auch Suha, die begreift, was vorgeht, und sie von ihrem Vorhaben abzubringen versucht. Vor allem aber bedeutet der Aufschub eine letzte ungeplante Gelegenheit, ihre Absichten nochmals zu überdenken und vielleicht rückgängig zu machen. Obwohl wenig passiert, ist die Spannung unerträglich. Man sieht den Freunden beim Denken und Zögern zu, hofft, dass die Mission damit abgebrochen wird, fürchtet, dass es anders kommt und wünscht sich, dass die beiden diese unverhoffte Chance zu überleben und ihre Opfer zu verschonen, ergreifen mögen.
"Paradise Now" schildert Handlungsabläufe mit großer Präzision und legt viel Wert auf physische Details wie die Rasur, das Anlegen der Gürtel mit den Sprengsätzen, und den Schweiß unter den dunklen Anzügen. Äußerlichkeiten, die trotzdem oftmals die Tragik und Groteske der Situation einfangen. So die Szene, in der Khaled seine letzten Worte wiederholen muss, weil die Kamera versagt hat - und Jamal dieweil ein Döner mampft. Wie die Regisseure des italienischen Neorealismus verzichtet Abu-Assad fast völlig auf psychologische Deutungen und manipulative Musik. Er bleibt an der sichtbaren Oberfläche und überläßt es den Zuschauern, Anteil zu nehmen oder nicht. Zur Identifikation mit Motiven, Absichten und politischen Überzeugungen der Attentäter ruft er an keiner Stelle auf, im Gegenteil. Aber er lädt dringlich dazu ein, über sie nachzudenken.
|