Bereits kurz nach der Veröffentlichung des Romans 1985 bemühte sich Bernd Eichinger, die Filmrechte seines Freundes Patrick Süskind zu erwerben. Der lehnte jedoch ab, wie auch mehrmals in den darauf folgenden Jahren. Erst bei Eichingers letztem Versuch im Jahr 2000 ließ sich der Autor schließlich erweichen aus dem Filmprojekt „wolle er sich aber komplett heraushalten“. Der Produzent stand vor der großen Herausforderung, einen Klassiker der Weltliteratur auf die Leinwand zu bringen, der 15 Millionen Mal verkauft und in 45 Sprachen übersetzt wurde und nebenbei natürlich als „unverfilmbar“ galt. Dass er bei seiner Suche nach einem adäquaten Regisseur Tom Tykwer gefunden hat, erweist sich im nach hinein als großer Glücksfall.
Die Geschichte des mordenden Parfumeurs Jean-Baptiste Grenouille der mit einem übernatürlichen Geruchsorgan gesegnet ist und den absoluten Duft entwickelt, damit er endlich geliebt wird erzählt Tykwer nahezu detailgetreu nach der Romanvorlage. Die Zuschauer werden förmlich in den Dreck des stinkigen Molochs von Paris im 18. Jahrhundert geschleudert, wo fauliger Geruch und bestialischer Gestank noch nicht als solcher wahrnehmbar sind, weil sie für die Zeit schlicht als normal gelten. Grenouille wird auf dem Marktplatz geboren und von seiner Mutter zwischen Gemüsemüll und Fischresten verschachert; die Widerlichkeit dieser Szene setzt Tykwer mit seiner für ihn bekannten Filmsprache um: sekundenschnelle Schnitte, die jede augenblickliche Assoziation des kleinen Neugeborenen bildlich darstellen, als seine kleine Nase zum ersten Mal Gerüche wahrnimmt.
Tykwer ist der großen Versuchung widerstanden, schlicht einen hübsch ausgestatteten historischen Kostümfilm zu drehen, stattdessen passt jedes Detail, jeder Straßenzug, jedes Kostüm und jeder Komparse, die, so der Regisseur, „mit Gülle vollgespritzt wurden, um dem Ganzen mehr Authentizität zu geben“.
Über allem schwebt der englische Hauptdarsteller Ben Whishaw, der sich im Vorfeld nicht nur gegen 100 Mitbewerber, sondern auch gegen Orlando Bloom und Leonardo DiCaprio durchsetzen konnte. Whishaw lässt niemals Zweifel aufkommen, dass er den Film nicht tragen könnte, sein Jean-Baptiste Grenouille ist ein melancholischer und autistisch-vereinsamter Held, der sich schlangenhaft bewegt und unnatürliche Sympathien weckt, wie sonst nur wenige Schurken der Filmgeschichte vor ihm. Das Faszinierende an seiner Figur ist die starke Ambivalenz zwischen der übernatürlichen Gabe alle Gerüche der Welt zu kennen und der völligen sozialen Inkompetenz sowie der fehlenden psychologischen Vorstellung von Moral, Liebe und Dankbarkeit. Grenouille, wie alle Menschen auf der Suche nach Anerkennung und Zuneigung, wird sein Duft schließlich zum selbst gewählten Verhängnis, dabei möchte man dieses verschüchterte Wesen einfach nur in seine Arme nehmen und trösten.
Wer sich in Patrick Süskinds Roman verloren hat, dem wird es ebenso in Tom Tykwers Film so ergehen. Dem Regisseur ist die große Leistung gelungen, die Stimmung des Buchs einzufangen und sichtbar zu machen. Weltstars wie Dustin Hoffman und Alan Rickman in Nebenrollen geben dem Film das zusätzliche Glamour-Format, das auch dazu beitragen wird, dass Tom Tykwer seine Bedeutung als einer der wichtigsten Regisseure weltweit einmal mehr bestätigen kann. Wer meint, er würde ab sofort nur noch in Hollywood drehen wollen, der irrt als nächstes plant Tykwer einen Politthriller, der in Berlin spielen soll.
Interview mit dem Regisseur Tom Tykwer:
Herr Tykwer, vor Ihnen waren Ridley Scott, Tim Burton und andere für die Regie im Gespräch. Viele hielten das Buch für unverfilmbar, denn es lebt von intensiven Geruchsbeschreibungen, was sich auf das Medium Film schwerlich übertragen lässt.
Ja, aber ich glaube, es gibt einen ganz anderen Stolperstein, vor dem alle angst hatten, nämlich die Ambivalenz des Stoffes. Die genannten Kollegen haben sicherlich alle irgendwann gemerkt, dass dies die problematischste Hürde sein würde. Denn wir erzählen die Geschichte eines Mörders, der trotzdem der einzige konstante Protagonist der Handlung bleibt. Neben ihm gibt es zwar wichtige andere Charaktere, aber letztlich folgt der Film dieser einen Figur, deren Motivation noch dazu außerordentlich komplex ist. Darin besteht ja auch das Wunder des Romans von Patrick Süskind: Als Leser wendet man sich niemals von Grenouille ab, egal, wie weit er geht. Und er geht sehr weit. Dieses Wunder wiederum auf den Film zu übertragen war die schwerste Aufgabe von allen. denn du siehst ja die toten Mädchen und sollst trotzdem wider deine Moral bei dieser Figur bleiben. deshalb war das Drehbuch auch so ein Biest. Da konnte eine einzige falsche Szene schon alles kaputt machen.
Die Rolle des Jean-Baptiste Grenouille haben Sie mit Ben Whishaw besetzt, bisher nur bekannt als Keith Richards- Darsteller aus dem Brian Jones-Biopic „Stoned“. Wie kamen Sie gerade auf ihn?
Ich habe von England aus ein Riesen-Casting gemacht und mir praktisch alle englischsprachigen Schauspieler zwischen 20 und 30 Jahren angeschaut. Und Ben stach irgendwann raus. Als ich dann hörte, dass er am Londoner Old Vic Theatre den Hamlet spielte, bin ich sofort hin. Das muss man sich mal vorstellen, der ist 23 und spielt den Hamlet! Und nach einer Viertelstunde wusste ich: Der ist es, der kann das. Ben hat ja auch eine Physis und eine Aura, die ganz einzigartig ist. Da steckt so ein animalischer Faktor drin, den man gar nicht beschreien kann.
Im Buch wird Grenouille als extrem unattraktiv beschrieben.
Ja, genau das war das Problem bei der Besetzung. Ein Schönling kam nicht in Frage. Ich brauchte jemanden, dem man abnimmt, dass er in seiner Unscheinbarkeit versinkt, der aber auch gefährlich aussieht. Gleichzeitig durfte er auf Dauer nicht abstoßend wirken, denn die Zuschauer sollen dieser Figur zwei Stunden ins Gesicht sehen. Weil Grenouille ja immer da ist. Oder fast immer. Insofern war Ben für uns ein Glücksgriff.
Jean-Baptiste Grenouille kommt inmitten von Dreck und Schnodder auf dem Pariser Fischmarkt zur Welt, und bei einigen dieser Bilder möchte man am liebsten gar nicht hinsehen.
Das war übrigens die erste Szene, die wir gedreht haben. Sie war für mich etwas ganz Besonderes. Denn jeder, der das Buch gelesen hat, wird sich noch Jahre später an gewisse markante Passagen erinnern, und die Beschreibung der Geburt auf dem Fischmarkt gehört zweifellos dazu. Mir kam es darauf an, das Krasse und Drastische dieser Situation herauszuarbeiten. Denn ich mache an mir selbst die Erfahrung, dass ich immer mehr nach Filmen suche, die ein intensives Erlebnis vermitteln. Ich bin mittlerweile etwas ungeduldig mit Filmen, die ganz nett und sympathisch, aber sonst nichts anderes sind. Wirklich gute Filme müssen physische Erfahrungen bieten, und ich glaube, das ist uns an dieser und einigen weiteren Stellen gut gelungen. Die Zuschauer sollen gleich am Anfang das Gefühl haben, dass sie sich regelrecht anschnallen müssen. Denn das Buch ist ja auch so: Du fängst an zu lesen und bist schon nach den ersten zehn Seiten restlos geschafft.
Wie geht es Ihnen jetzt, Herr Tykwer, nach drei Jahren harter Arbeit an „Das Parfum“?
Dieser Film war ein Wahsinnsmonster, ich bin jetzt etwas groggy. Wenn das alles vorbei ist, werde ich vier Wochen ins Koma fallen. Und dann geht's weiter.