Mit der Verfilmung seines eigenen Bestseller-Romans „Balzac und die kleine chinesische Schneiderin“ verzauberte Dai Sijie vor einigen Jahren auch die Besucher der Programmkinos hierzulande. Sein neues Werk „Die Töchter des chinesischen Gärtners“ thematisiert eine Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen im China der 80er Jahre und rührt damit an ein Tabu, das auch 20 Jahre später noch nichts von seiner Brisanz verloren hat. Eine anrührende Liebensgeschichte, die vor allem durch ihre opulenten Bilder und die intensive Darsteller-Riege für sich einzunehmen weiß.
Drama
(Les filles du botaniste )
Kanada / Frankreich 2006 - 95 Min.; ab 12;
Regie und Buch: Dai Sijie;
Darsteller:
Mylène Jampanoï, Li Xiaoran, Dongfu Lin, Wang Weidong, Nguyen Nhur Quyynh, Nguyen Van Quang, Linh Thi Bich Thu.

Homepage (incl. dt. Trailer)

www.imdb.com

Es ist nicht das erste Mal, dass der in Frankreich lebende Sijie Dai nicht in seinem Heimatland drehen darf und mit Zensur kämpft. Schon "Chine ma douleur" musste statt im Reich der Mitte in den Pyrenäen gedreht werden, sein jetziger Film in Vietnam. Die vorgesehene Hauptdarstellerin aus seinem Welterfolg "Balzac und die kleine chinesische Schneiderin" sagte (wohl auf Druck) ab. Dem verführerischen Zauber dieses herzergreifenden Liebesfilms schadet das jedoch nicht, die Französin Mylène Jampanoi mit chinesischen Wurzeln verblüfft als junge Frau zwischen Tradition und Moderne. Aufhänger für die Tragödie war eine Zeitungsnotiz über zwei Frauen, die wegen lesbischer Liebe zum Tode verurteilt und des Mordes am Vater der einen verdächtigt wurden. Es geht im Film nicht um eine Rekonstruktion des Falles und nicht primär um weibliche Homosexualität, sondern um eine große Liebesgeschichte. Die 20-jährige Studentin Min landet auf einer von exotischen Pflanzen bedeckten und verwunschenen Insel, um bei einem berühmten Professor ein Praktikum zu absolvieren, und kann sich der Faszination der geheimnisvollen Atmosphäre nicht entziehen, auch wenn der despotische Wissenschaftler sie erst einmal mit Nichtachtung straft und seine Tochter herumkommandiert, die ihm jeden Wunsch von den Augen abliest. In der Isolation freunden sich die beiden Mädchen an, und fast zufällig kommt es zum flüchtigen Kuss, zur ersten scheuen Berührung, zur zögerlichen Umarmung. Im Strom der unbekannten Leidenschaft denken sie nicht an die Konsequenzen, die im prüden China 1980 drohen. Der Besuch vom Sohn des Hauses bringt sie auf eine Idee: Nach einer Hochzeit mit dem in Tibet stationierten Soldaten dürfte Min auf der Insel bleiben. Die Situation spitzt sich zu, als die Mädchen weiterhin ihre zärtlichen Gefühle ausleben - mit desaströsen Folgen, denn der Vater entdeckt sie beim Liebesspiel.

Vielschichtig und ohne jeglichen Voyeurismus packt Dai Sijie das heiße Eisen an. Die Inszenierung von verbotener Liebe im Paradies und Momente größter Intimität zeichnet sich durch vorsichtige Zurückhaltung aus. Knisternd-heißer Erotik, verlegene Scham und zarte Poesie sind kein Widerspruch. Traumhafte Impressionen einer fast märchenhaften Landschaft, ein Bilderrausch voller romantischer Gefühle, schon allein dafür lohnt sich der Kinobesuch.