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Schon mit den ersten Bildern erobert der Film seine Zuschauer, überträgt die Spannung vor Johnnys legendärem Auftritt 1968 im Gefängnis von Folsom geradezu körperlich auf den Beobachter. Gut zwei Stunden muss man warten, bevor die aufgeheizte Stimmung unter den Sträflingen sich schließlich in Begeisterung entladen darf. Denn vor der Wiedergeburt des Country-Stars erzählt "Walk the Line" von seinem Aufstieg und unvermeidbarem Absturz. Das von Mangold mitverfasste, auf mehreren Biografien des "Man in Black" basierende Drehbuch folgt chronologisch und schnörkellos den wichtigsten Stationen dieses Lebens und endet 1968 mit der Hochzeit mit June Carter. Diese berührende Lovestory, die Eroberung einer gläubigen, konservativ geprägten, aber zweimal geschiedenen Mutter zweier Töchter, bildet das Fundament des Films. Parallelen zu Ray Charles sind unübersehbar und geben auch dieser Biografie dramatisches Gewicht. Das große Plus gegenüber Taylor Hackfords Piano-Man ist jedoch die noch größerere Authentizität der Auftritte, geben doch Joaquin Phoenix und Reese Witherspoon nicht nur überzeugend leidenschaftliche und nuancierte Darstellungen, sondern singen auch noch selbst- und dies mit erstaunlicher Qualität. Die Musiknummern der beiden, ob getrennt oder im Duett, sind das mitreißende musikalische Herzstück des Films. Angefangen von Cashs "Folsom Prison Blues", mit dem er zu Beginn seiner Karriere die zögernde Produzentenlegende Sam Phillips überzeugt, bis hin zum gemeinsam vorgetragenen Hit "Jackson", der in bester Hollywoodtradition in einem finalen öffentlichen Heiratsantrag gipfelt. Als Musikfilm gefällt "Walk the Line" mit Dynamik, Atmosphäre und Tempo, als Verdichtung eines ereignisreichen Lebens spart er zwangsläufig manches aus. Zu sehen ist Cashs Kindheit auf einer Farm in Arkansas, der tragische Unfalltod seines Bruders, die Verbitterung des distanzierten Vaters (der kommentiert, den falschen Sohn verloren zu haben), die Armeezeit in Landsberg, die erste kinderreiche Ehe mit Vivian Liberto, die erste Platte, der erste Kontakt mit seinem Idol June Carter, die Tourneen mit ihr, Elvis Presley, Jerry Lee Lewis oder Carl Perkins, die Affären mit Groupies, vor allem aber das lange Zeit vergebliche Werben um June, die zur großen Liebe wird. Sie fängt ihn nach jahrelangem Drogenkonsum auf, holt den Rebellen und Sympathisanten der Gescheiterten, Fehlgeleiteten, Verarmten und Abgestürzten wieder ins Leben zurück. Auch wenn der Film gerade in Carters Fall biografisch skizzenhaft bleiben muss, wird der Background der Hauptcharaktere deutlich, versteht man die Motive ihres Verhaltens, das konservative Milieu der Countryszene, des ländlichen Herzens Amerikas. Transparent wird schließlich damit das eigentlich Skandalöse dieser Beziehung, die sich aus den Trümmern zweier Familien erhob. Auch wenn der Film am Ende im Versöhnungsdruck zu viele Wunden zu schnell schließen will, präsentiert er sich als adäquate Würdigung einer großen Persönlichkeit, zu der man auch als Einsteiger musikalisch und dramaturgisch mühelos Zugang findet. "It's good to see you again", begrüßt June nach dem Entzug ihren Johnny. Für seine filmische Wiedergeburt gilt das auch.
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