GB
2009 - 100 Min.; ab 12;
Regie: Lone Scherfig;
Darsteller: Carey Mulligan, Peter Sarsgaard, Dominic Cooper, Rosumund
Pike, Alfred Molina, Cara Seymour, Matthew Beard, Emma Thompson, Olivia
Williams
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Die Swinging Sixties sind nicht einmal als ferne
Schemen am Horizont zu erkennen, selbst die Beatles mühen sich noch
auf der Kellerbühne des Cavern Club ab – ihr Durchbruch mit dem ersten
Album ist 1961 die Ewigkeit von zwei Jahren entfernt. Auch wenn der
Rock’n’Roll seit einiger Zeit die Jugend elektrisiert, in den Londoner
Vorstädten ist nur wenig davon zu spüren. Der lange Schatten des
Zweiten Weltkriegs taucht Twickenham südwestlich der Themse noch
immer in ein diffuses Grau, die kleinbürgerlichen Verhältnisse sind
eng geschnürt wie ein altmodisches Korsett.
Die Ausbruchsstrategie der 16jährigen Jenny ist bestmögliche Bildung:
Gute Noten sollen ihr einen Studienplatz in Oxford garantieren. Als
Lehrerin – so ihr Ziel – möchte sie, wenn auch kein luxuriöses, so
doch ein eigenverantwortliches Leben führen. Bis David eines verregneten
Nachmittags in ihre überschaubare Welt tritt, doppelt so alt wie Jenny,
augenscheinlich wohlhabend, charmant vom Scheitel bis zur Sohle, in
den besten, weil aufregendsten Kreisen zuhause. Er entführt den Backfisch
in ein Universum aus Cocktailparties, Nachtclubs und klassischen Konzerten,
bis sie unrettbar dem mondänen Leben verfallen ist – einer »education
sentimentale« gleich, wie sie Flaubert bereits 150 Jahre zuvor seinem
Protagonisten Frédéric Moreau angedeihen ließ, der sich in umgekehrter
Konstellation mit einer älteren Frau dem Lotterleben in Paris hingab.
Nun ist Nick Hornby, der hier erstmals ein Drehbuch verfaßte, das nicht
auf einem seiner immens erfolgreichen Romane basiert, kein Flaubert,
doch die Sehnsucht nach Paris dominiert gleichermaßen auch Jennys Träume.
Die Liaison mit David eröffnet ihr die einmalige Chance, sie Wirklichkeit
werden zu lassen – selbst die mahnenden Worte der konservativen Eltern
kapitulieren vor der einnehmenden Art des so seriös wirkenden Lebemanns
–, allein ihr eigenes schlechtes Gewissen, den sorgsam aufgebauten
Lebensplan für eine glitzernde Seifenblase dranzugeben, die jeden Moment
zu platzen droht, widerstrebt der allumfassenden Glückseligkeit, die
Jenny nach dem besten Abend ihres Lebens und den folgenden, nicht schlechteren,
verspürt.
Dieser innere Konflikt ist es, der An Education bei allem Liebreiz
ein wenig Mißstimmung beimengt – ansonsten gelingt Regisseurin Lone
Scherfig eine traumwandlerisch dahinschwebende, perfekt getimte Inszenierung
des Freudentaumels, mit geschliffenen Dialogen und zeitlos schönem
Design, das die Atmosphäre der frühen 1960er maßstabsgetreu auf die
Leinwand zaubert. Doch selbst all das verblaßt gegen ein Darstellerensemble,
das bis in die kleinsten Nebenrollen, etwa mit Emma Thompson oder Sally
Hawkins, herausragend besetzt ist. Das dem zuletzt jahrelang als Bösewicht
verramschten Alfred Molina endlich wieder Gelegenheit gibt, als Jennys
Vater sein komödiantisches Talent voll auszuschöpfen, und Peter Sarsgaard
nach unzähligen unscheinbaren Supporting Acts in den Status eines Leading
Man hievt. Aber auch sie werden überstrahlt von einer umwerfenden Carey
Mulligan in der Hauptrolle der hin- und hergerissenen Jenny, die sich
dem Rausch des ausschweifenden Nachtlebens hingibt und sich trotzdem
nicht in ihm verliert, die vom biederen Schulmädchen zu einer anmutigen
jungen Lady reift. Vergleiche mit der aufstrebenden Audrey Hepburn
wurden seit der Premiere bei der letztjährigen Berlinale des öfteren
bemüht und drängen sich, zumindest was die Optik betrifft, möglicherweise
auch auf. Man sollte sie vor allem aber als Ausdruck der Wertschätzung
für eine junge Schauspielerin lesen – und für den Film, der sie zum
Star macht und mit betörenden Mitteln von den Lehrjahren des Herzens
erzählt, voller Kitsch und Wahrhaftigkeit, unendlicher Empathie für
seine Figuren und einer Warmherzigkeit, wie sie Nick Hornby selbst
in den besten Momenten seiner Romane bislang nicht gelungen ist. |