USA 2011 - 129 Min.; ab 12;
Regie: Roland Emmerich;
Darsteller: Rhys Ifans, Vanessa Redgrave, Joely Richardson, David Thewlis, Xavier Samuel, Sebastian Armesto, Rafe Spall, Edward Hogg, Jamie Campbell Bower.
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Die orthodoxe Version ist einfach: Der Schauspieler William Shakespeare aus Stratford-upon-Avon begann Ende des 16. Jahrhunderts Stücke zu verfassen, die zu den herausragendsten Werken der Weltliteratur zählen. Dummerweise gibt es keinerlei Beleg dafür, dass dieser Shakespeare schreiben konnte, dass er jemals eine Schule besucht hat, dass er auch nur ein Buch besaß. Diese Diskrepanz ließ schon bald nach dem Tod des Schauspielers Shakespeare im Jahre 1616 Gerüchte aufkommen, dass ein anderer der eigentliche Autor war. Im Laufe der Zeit wurden viele Kandidaten genannt, von zeitgenössischen Dramatikern wie Ben Jonson und Christopher Marlowe, bis zu Königin Elizabeth selbst. Der glaubwürdigste alternative Autor ist jedoch Edward de Vere, der Earl of Oxford von dessen Autorenschaft zum Beispiel Mark Twain, Sigmund Freud, Orson Welles aber auch berühmte Schauspieler wie John Gielgud oder Derek Jacobi überzeugt sind.
Es ist also kein Zufall, dass Roland Emmerichs „Anonymous“ im heutigen New York mit einem Auftritt eben jenes Derek Jacobis beginnt. Allein auf einer Bühne am Broadway stehend beschreibt er das Dilemma der unklaren Autorenschaft, um das sich der dann folgende Film dreht. Der also von Anfang an klar macht, dass es sich nicht um historische Tatsachen handelt, sondern um eine Möglichkeit, eine so-könnte-es-gewesen-sein-Geschichte.
Und über weite Strecken ist das, was Emmerich und sein Drehbuchautor John Orloff erzählen durchaus glaubwürdig – bis dann im letzten Drittel jede Logik über Bord geschmissen wird, und „Anonymous“ sich zur bizarren Kolportage voller Inzest und Verschwörungstheorien wandelt. Was es Historikern und orthodoxen Shakespeare-Forschern leicht machen wird, den Film in der Luft zu zerreißen und zu ignorieren, was Emmerich vorher erzählt hat. Da zeigt er Rhys Ifans als melancholischen Earl of Oxford, der versucht, sich dem Intrigenspiel des elisabethanischen Englands zu entziehen. Doch seine Freundschaft zu den Grafen Southampton und Essex, vor allem aber sein inniges Verhältnis zu Königen Elizabeth (als alte Frau gespielt von Vanessa Redgrave, als junge Schönheit von deren Tochter Joely Richardson) ziehen Oxford immer wieder in die Ranküne. Er beginnt seine schriftstellerische Leidenschaft für politische Zwecke zu benutzen, doch dafür braucht er eine Fassade. Denn das Theater ist dem Pöbel vorbehalten, für einen Adligen wäre es undenkbar, Stücke zu veröffentlichen. Und so kommt über Umwege der hier als tollpatschiger Säufer dargestellte Schauspieler Will Shakespeare (Rafe Spall) in den Genuss, als Autor von „Hamlet“, „Macbeth“, „Richard III“ und all den anderen Stücke berühmt und vor allem reich zu werden.
Oxford dagegen bleibt im Schatten, muss ansehen, wie ein anderer seinen Applaus entgegennimmt, während er selbst nicht aus den Fesseln seiner Herkunft kann. Dieses tragische Schicksal ist das eigentliche Herz des Films, das dank einer nuancierten Darstellung des sonst oft eher klamaukigen Rhys Ifans auch gegen die Schauwerte und Kolportage-Elemente bestehen kann.
Die Wahrheit über Shakespeare und die Frage der Autorenschaft hat Roland Emmerich hier mit ziemlicher Sicherheit nicht erzählt. Aber ein unterhaltsamer, teils sehr pfiffiger Film ist „Anonymous“ allemal geworden. Und wenn er dazu führt, ein neues Publikum an die Werke Shakespeare heranzuführen – umso besser. Denn wer auch immer sie geschrieben hat, an ihrer umwerfenden Qualität ändert diese Frage rein gar nichts.
Michael Meyns (programmkino.de) |