Bevor man Lars von Triers neuen
Film sieht, sollte man alles, was man aus Cannes über „Antichrist“
gehört hat, vergessen. Ja, es gibt einige wenige extrem graphische
Szenen, ja, wenn man unbedingt will, kann man Lars von Trier einmal
mehr Misogynie vorwerfen und ja, lässt man sich nicht auf die komplexen
Motive und Verweise ein, wirkt „Antichrist“ schnell prätentiös. Gleichzeitig
aber ist es ein erschütternder, faszinierender, brillant gespielter
und unfassbar ästhetischer Film, komplex in seiner Symbolik, vielschichtig
in seiner Thematik. |
Der Legende nach befand sich Lars von Trier in einer
tiefen Depression und wusste nicht ob er jemals wieder einen Film
drehen würde. Also schrieb er das Drehbuch zu „Antichrist“, der somit
als eine Art persönliche Psychotherapie verstanden werden könnte.
Ob allerdings der von Willem Dafoe gespielte Mann (ebenso wie die
Frau namenlos und dadurch offenkundig als grundsätzliche Repräsentanten
der Geschlechter zu verstehen) von Triers Alter Ego ist, bleibt wie
so vieles in diesem Film eine Möglichkeit. Wirklich eindeutig ist
hier kaum etwas, auch wenn von Trier höchstwahrscheinlich sehr genaue
Vorstellungen von der Bedeutung seiner Arbeit hatte.
Es beginnt mit der zuerst von Freud beschriebenen Urszene: Ein kleines
Kind beobachtet seine Eltern beim Sex. Prolog und Epilog, jeweils
in extremer Zeitlupe und schwarzweiß gefilmt, rahmen die vier folgenden
Kapitel des Films namens „Trauer“, „Schmerz (Chaos regiert)“, „Verzweiflung
(Gynozid)“ und „Die drei Bettler“. Willem Dafoe und Charlotte Gainsbourg
spielen das Ehepaar, das sich erst unter der Dusche, dann im Bett
liebt (dabei eine Flasche umwirft, die offensichtlicher Verweis auf
eines der stetig wiederkehrenden Motive Andrej Tarkovskys ist, dem
der Film gewidmet ist), begleitet von der Arie Lascia ch’io Pianga
– Lass mich weinen, aus Händels Rinaldo. Während die Eltern sich
ihrer Extase hingeben, klettert das Kind aus seinem Bett, sieht die
Eltern, schiebt einen Stuhl ans Fenster und stürzt sich im Moment
des Orgasmus der Frau in den Tod. Die Mutter stürzt in tiefe Trauer,
der Mann, ein Psychologe, glaubt sie aus ihrer Verzweiflung befreien
zu können, in dem er mit ihr in das gemeinsame Ferienhaus fährt,
Eden genannt. Dort durchlebt das Paar etwas, das einerseits als extreme
Form von „Szenen einer Ehe“ bezeichnet werden könnte, andererseits
als ein Durchspielen der klassischen Horrorfilmsujets Besessenheit,
Exorzismus und Teufelsaustreibung.
Ein klassischer Horrorfilm ist „Antichrist“ allerdings natürlich
nicht, vielmehr spielt von Trier mit Märchenmotiven, besonders der
unheimlichen, bedrohlichen Atmosphäre des Walds. Gedreht wurde passenderweise
in Deutschland, was Bezüge zu den Gebrüder Grimm nahe legt, vor allem
aber zur Hexenverfolgung und -verbrennung im Mittelalters.Dies ist,
wie der Mann spät entdeckt, das Thema der Doktorarbeit der Frau und
möglicherweise die Ursache für ihr – wie er es interpretiert – unerklärliches
Schuldbewusstsein. Leicht könnte man in der Verdammung weiblicher
Sexualität ein typisches Beispiel für den Misogynismus finden, der
von Trier bei fast jedem Film vorgeworfen wird. Zumal Charlotte Gainsbourg
sich in einer brillanten Darstellung mit ganzem Körpereinsatz in
ihre Rolle verliert. Immer extremer wird ihr Verhalten im Laufe des
Films, immer animalischer ihre Lust, die schließlich zu einigen der
graphischen Momente führt, die in Cannes für einen wohl unvermeidlichen
Skandal sorgten.
Viel mehr als ein brutaler, unverständlicher Film, die Anklage der
weiblichen Sexualität durch einen puritanischen Geist, lässt sich
„Antichrist“ aber als extreme Schilderung des Verfalls einer Ehe,
der Liebe an sich, lesen. Am Ende kehrt der Mann zwar in die Welt
der Lebenden zurück, geschlagen, verwundet, aber ein kathartischer,
oder gar glorreicher Moment ist dies nicht. Das Schlussbild, in dem
Heerscharen gesichtsloser Frauen zusammen mit dem Mann einen Berg
besteigen, der auch als Aufstieg aus der Hölle gelesen werden kann,
beschwört nicht nur das Ende dieser Ehe, sondern das Ende der Menschheit
schlechthin. Wohl nur einem Mann in tiefer Depression, ein Regisseur
der ohnehin nie Scheu vor der Darstellung der Abgründe der menschlichen
Existenz hatte, würde solch ein Bild einfallen. Es hinterlässt den
Betrachter erschüttert, beeindruckt von der unwirklichen Schönheit
der Bilder, verwirrt von den komplexen, auch problematischen Implikationen
des Gesehenen. Gewiss ist nur, dass sich Vielschichtigkeit der Bezüge
und Motive erst nach vielfachem Sehen von „Antichrist“ erschließen
wird.
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