Nach Killergroteske („No Country
for Old Men“) und Spionagesatire („Burn After Reading“) gelingt den
verspielt coolen Coen-Brüdern ein erneuter Coup, der für Oscar-Segen
sorgen dürfte. Statt wie sonst auf Stars setzt das kreative Duo diesmal
auf unverbrauchte Nobodys und erlaubt sich den Luxus, das Publikum
zur Eröffnung mit einer verrückten Folklore-Episode der absurden
Art zu verwirren. Amüsant geht es weiter, tragisch komisch versteht
sich. Ein vergnüglich böses Melodram über Moral und (jüdische) Religion
- und über die unglaubliche Ungerechtigkeit des Seins. Ein Feel-Bad-Movie
zum Totlachen.
USA 2009
- 105 Min.; ab 12;
Regie: Ethan Coen, Joel Coen;
Darsteller: Michael Stuhlbarg, Richard Kind, Fred Melamed, Sari Lennick,
Aaron Wolff, Jessica McManus, Michael Tezla, Alan Mandell, George
Wyner, Peter Breitmayer, Brent Braunschweig, David Kang .
Physikprofessor Larry Gopnik (großartig Michael Stuhlbarg)
ist ein Pechvogel wie aus dem Woody Allen-Universum. Seine Frau will
aus heiterem Himmel die Scheidung und ausgerechnet den penetrant
verständnisvollen Freund der Familie ehelichen. Der nervtötende Bruder
quartiert sich im trauten Heim ihm ein und bringt neben schlechter
Laune alsbald die Polizei ins Haus. Ein versetzungsgefährdeter Student
will karrierebewusst mit etwas Bestechungsgeld seine Noten aufbessern,
worauf alsbald anonyme Briefe die Karriere des ehrenwerten Professors
bedrohen. Zu allem Übel bestiehlt ihn seine pubertierende Tochter,
um ihre Nasenkorrektur zu finanzieren, derweil der Sohn lieber zu
Marihuana als den Schulheften greift. Fast folgerichtig, dass die
medizinische Routineuntersuchung des überzeugten Hypochonders diesmal
etwas dramatischer ausfallen wird – wenngleich ihn sein rauchender
(!) Arzt im Sprechzimmer zunächst beruhigt. Was tun? Als gläubiger
Jude fragt der verzweifelte Larry einen Rabbi – und noch einen und
noch einen. Aber alle guten Ratschläge bleiben jedoch reichlich rätselhaft
und klingen so hilfreich wie Kalendersprüche. Mit beißendem Spott
und genüsslicher Schadenfreude schaukeln die Coens ihr gebeuteltes
Stehaufmännchen immer tiefer in seine (Sinn-)Krise. Das tun sie diesmal
freilich mit ein bisschen mehr Mitgefühl als üblich, schließlich
ist diese Geschichte aus dem Mittleren Westen der 60er Jahre autobiografisch
angehaucht: So persönlich ging es bei den Coens noch nie zu.
Das Füllhorn grotesker Einfälle wird mit umwerfender Situationskomik
der angenehm unaufdringlichen Art umgesetzt: Ob der arme Larry sich
einen bösen Sonnenbrand holt als er fassungslos die lüsterne Nachbarin
beim textilfreien Sonnenbad beobachtet. Ob sein bekiffter Sohn sich
bei der feierlichen Bar Mitzwa nur mit Mühe auf den Füßen halten
kann. Oder ob auf der Rückseite von Zähnen auf wundersame Weise hebräische
Buchstaben auftauchen. Da wundert nur wenig, dass der ehrwürdige
Rabbi zum Fan von „Jefferson Airplane“ konvertiert und bedeutungsvoll
deren „Somebody to Love“-Zeilen zitiert: „When the truth is found
to be lies/And all the joy within you dies“- zugleich das Motto dieses
seriös amüsanten Films.
Neben haarsträubenden Pointen mit messerscharf geschliffene Dialoge
und den umwerfenden Akteuren überzeugen einmal mehr die virtuos komponierten
Bilder von Kameramann Roger Deakins, der schon lange das visuelle
Konzept der Coens umsetzt. Zum guten Schluss der schwarzen Komödie
folgt schließlich ein famoses Finale, das wohl zu einem der großartigsten
der Filmgeschichte gehört. Wenn es für soviel intelligent emotionale
Unterhaltung keine Oscars gibt, wäre die Welt wohl wahrlich ein wenig
ungerecht.