Originaltitel:
Bad Lieutenant: Port of Call New Orleans;
USA 2009 - 122 Min.;
ab 16;
Regie: Werner Herzog;
Darsteller: Nicolas Cage, Eva Mendes, Val Kilmer, Alvin "Xzibit" Joiner,
Fairuza Balk, Shawn Hatosy, Jennifer Coolidge, Tom Bower.
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Es war 1992, da hinterließ der New Yorker Abel Ferrara
eine unvergessliche Spur im internationalen Kino: Als unmoralischen
und doch erlösungswilligen Bad Lieutenant schickte er Harvey Keitel
auf die nassen, neonschimmernden Straßen der Metropole und erschuf
einen Antihelden in der Tradition der schwärzesten Films noirs. Als
Ed Pressman, der Produzent dieses Films, 2008 ein Remake ankündigte,
war das Erstaunen groß – zu sperrig erschien bereits das Original.
Als Pressman Werner Herzog für die Regie gewann und Nicolas Cage
als Hauptdarsteller, war der Boden für wildeste Spekulationen bereitet.
Ferrara hatte Herzog einst in Snake Eyes (1993) gehuldigt und zeigte
sich erbost über die Idee eines Remakes, während Herzog vorgab, nie
von Ferrara und dessen Film gehört zu haben. Schließlich gab man
auch den neuen Titel bekannt – Bad Lieutenant – Port of Call: New
Orleans –, der eher eine Fortsetzung als ein Remake signalisierte.
Das erschien noch absurder, da der Protagonist des Originals bekanntlich
sein Leben opfert. Es war also Schlimmstes zu befürchten.
Umso erstaunlicher ist das Erlebnis, Herzogs neuen Film nun zu sehen.
Nach einigen eher essayistischen Werken legt er hier einen veritablen
Neo-Noir-Cop-Thriller vor, der von dem schwülen Ambiente der verfallenden
Stadt New Orleans nach dem Hurricane Katrina zehrt und einen exzessiv
chargierenden Nicolas Cage als drogensüchtigen, wettsüchtigen und vergewaltigenden
Polizisten bietet. Das ist mit nichts vergleichbar, was man bislang
von dem in Deutschland nach Fitzcarraldo (1981) eher mit Skepsis beobachteten
Werner Herzog gewohnt war: rasantes Erzählkino mit internationalen
Stars, Standardsituationen des Polizeifilmgenres und Shoot-outs im
Hip-Hop-Style.
Und doch finden wir hier Spuren aus Herzogs Werk: So ist neben Cage
und Eva Mendes auch Brad Dourif als Wettsalonbesitzer zu sehen. Dourif
durfte mit seinen Manierismen Herzogs The Wild Blue Yonder (2006) beleben.
Auch der Blick auf Natur und Tierwelt bleibt einzigartig: Teile von
Sequenzen drehte Herzog in »Echsenvision« – aus der verzerrten Untersicht
von Leguanen und Alligatoren, die das Sumpfland um New Orleans bevölkern.
Und zwischen all diesen bizarren Momenten bekommt Nicolas Cage freie
Hand, seinen obsessiven Cop mit rollenden Augen und aggressiven Ausbrüchen
zum Klaus-Kinski-Monument zu gestalten – des Schauspielers, der Herzog
mit zur Kinolegende machte.
Terence McDonagh (Cage) ist Polizist in New Orleans. Gegen seinen chronisch
schmerzenden Rücken hat man ihm Vicodin verschrieben, doch lieber entwendet
er Kokain aus der Asservatenkammer der Polizei – oder aus dem Besitz
von Verdächtigen. Eine Drogenliebschaft verbindet ihn mit dem Edelcallgirl
Frankie (Mendes), auch wenn er weiterhin gerne seine Kollegin Heidi
(Fairuza Balk) ausnutzt – oder eine Verdächtige sexuell belästigt (hier
ähnelt er dem Keitel-Charakter). Obwohl McDonagh ein Risiko für seine
Kollegen (unter anderen Val Kilmer) darstellt, lassen sie ihn gewähren,
denn seine Methode ist erstaunlich effektiv, wenn auch inhuman und
korrupt. In einer Szene foltert er eine Rentnerin im Rollstuhl, indem
er ihr die Sauerstoffzufuhr entzieht. Doch stets sind seine Taten von
einer unbestechlichen inneren Logik geleitet. Und wie er zu Beginn
für seine Verdienste zum Lieutenant ernannt wird, wartet auch später
eine Beförderung auf ihn. Dazwischen ist sein Weg von Leichen gesäumt
– Gangsterbosse und Drogendealer, aber auch eine ganze Familie, die
dem alltäglichen Drogenkrieg zum Opfer fällt.
Der neue Bad Lieutenant mag, im Original wie auf Deutsch: als Cop ohne
Gewissen, mit einem albernen B-Picture-Titel gestraft sein, der Film
aber gehört zu den geschlossensten und stärksten Werken, die uns Herzog,
eine Legende des neuen deutschen Films der Siebziger, seit Jahren hinterlassen
hat. Bevölkert von bizarren und originellen Charakteren, getragen
von Peter Zeitlingers monochromen Bildern, die alles Pittoreske vermeiden,
untermalt von einem geheimnisvollen Folk-Soundtrack, in dem die Klangfetzen
eines Noir-Saxofons von ferne klagen. Ein düsterer Film mit grimmigem
Humor und einem Schimmer Hoffnung am Ende. |