Boras Altas stahl während der
Berlinale 2010 manchem Star die Show. Wie der Junge auf dem Podium
die Fragen der Journalisten beantwortete, war herzerfrischend. Aufgeweckt,
neugierig, ein bisschen staunend – genau wie im Film „Bal“ („Honig“),
in dem Altas den Sohn eines Imkers spielt, der die Schönheit und
die Schrecken der Kindheit erlebt. Semih Kaplanoðlu, der mit „Bal“
in Berlin den Goldenen Bären gewann, bettet das kindliche Erwachen
souverän in den wogenden Rhythmus einer anatolischen Waldlandschaft
ein.
Der Film von Semih Kaplanoglu, der im Februar in Berlin als Gewinner
des Goldenen Bären gefeiert wurde, macht das Archaische nicht idyllisch;
er ist herb, doch er verzaubert durch seine Kunst, mit den zartesten
Mitteln Auge und Ohr für die Weltwahrnehmung eines Kindes zu öffnen.
Der Spiegel
Wenige Worte, zum Sterben schöne Bilder, vollendetes Kino.
Der würdige Gewinner der diesjährigen Berlinale (2010).
KulturSPIEGEL |
Die Menschen leben im Einklang mit der Natur in Kaplanoðlus
Film. Es ist nicht die anatolische Steppe, sondern die wenig bekannte
Bergregion in der Nähe des Schwarzen Meeres, in der er seine Geschichte
ansiedelt. Alles, was die Menschen brauchen, bekommen sie von der
Natur. Der Honig ist deren süßestes Erzeugnis. Schnell wird ein Film,
der mit solchen Metaphern arbeitet, selbst allzu süßlich. Dem türkischen
Regisseur und seinem ausgezeichneten Kameramann gelingt jedoch eine
Bildsprache jenseits von Öko-Romantik und abgegriffener Allegorien.
Man sieht natürlich auch die Zerbrechlichkeit dieses entlegenen Biotops
und der Lebensweise derer, die dort ihr Auskommen finden. Doch in
erster Linie findet man hier einen unverstellten Blick auf alles
Kreatürliche: das Majestätische der Bäume, die Farben der Pflanzen,
das wechselnde Licht, das Atmen des Waldes. Und die allgegenwärtigen
Geräusche, die anstelle einer Filmmusik ein Naturkonzert liefern.
Man kann angesichts dieser Bilder wieder staunen lernen, so wie es
der kleine Yusuf (Boras Altas) tut, für den der Wald wie das Leben
noch viele Geheimnisse birgt. Es sind nicht nur schöne Geheimnisse.
Yusufs Vater Yakub (Erdal Besikcioglu), ein Imker, dringt immer tiefer
in den Wald ein, um seine Bienen zu schützen, da sich eine rätselhafte
Krankheit in der Gegend ausbreitet – auch das ist Natur. Er hängt
die Körbe in den Baumwipfeln auf, eine gefährliche Arbeit und ein
ständiger Grund zur Sorge für seine Frau Zehra (Tülin Özen). Als
ihr Mann einmal nicht zur vereinbarten Zeit aus dem Wald zurückkehrt,
kommen Befürchtungen bei ihr auf. Sie beruhigt ihren sechsjährigen
Sohn, der aber spürt, dass seinem Vater, dem er in tiefer Bewunderung
zugetan ist, etwas passiert sein könnte. Er hört auf, mit seiner
Mutter zu sprechen. Ein Verstummen, das mit seiner Angst zu tun hat,
aber auch mit den Anforderungen der Schule, denen er nicht genügt.
Zu Hause kann er seinem Vater stolz ein Gedicht vortragen, in der
Schule stottert er jedoch, wenn er vorlesen soll. Der Junge zögert
mit dem Entwicklungsschritt, der seine unmittelbare, eben natürliche
Welterfahrung durch Sprache und Schrift ergänzt.
Das ist ein erstaunliches
Detail, denn aus Kaplanoðlus rückwärts erzählter Film-Trilogie, die
mit „Bal“ endet, weiß man, dass aus Yusuf ein Dichter wird. Es gibt
in dem Film weitere Verweise auf die beiden anderen Teile, aber man
kann ihn auch ohne deren Kenntnis schauen, da er in sich geschlossen
ist. Der Regisseur erzählt aus der Kinderperspektive, weshalb manches
in der Geschichte rätselhaft und verborgen bleibt, so wie einem kleinen
Jungen eben manche Dinge unverständlich sind. Auch auf der Zeitschiene
passt er sich dem gedehnten Empfinden eines Kindes an, das in eins
fällt mit dem Rhythmus seiner Umgebung – die Natur hat Zeit. „Bal“
ist ein meditativer Film, der Augenblicke immer wieder langsam gerinnen
lässt. Wer sich darauf einlässt, gleitet in den ruhigen Strom der
Natur und kindlichen Magie mit ihren sowohl berückenden und tröstenden
als auch bedrohlichen Ausprägungen. |