|
![]() |
||||||||||||
|
Inspiriert durch einen Zeitungsbericht über den Selbstmord eines autistischen 14jährigen, erzählt der beeindruckende Debut-Film des belgischen Journalisten Nic Balthazar die Leidensgeschichte Ben Vertriests. Von seinen Mitschülern permanent gedemütigt, flüchtet dieser in die virtuelle Welt eines Online-Rollenspiels. Balthazar spielt dabei mit den Gestaltungsmitteln der Computergames und des Fernsehens und zeichnet dabei treffend das Bild einer zutiefst mediatisierten und kommerzialisierten Jugendkultur.
|
|||||||||||||
|
Belgien 2007 - 90 Min.; ab 12;
Regie: Nic Balthazar; Darsteller: Greg Timmermans, Laura Verlinden, Marijke Pinoy, Pol Goossen, Titus De Voogdt, Maarten Claeyssens, Tania Van Der Sanden, Johan Heldenbergh, Jakob Beks, Peter De Graef. www.benx.kinowelt.de www.imdb.com |
|||||||||||||
|
Nicht nur die Hauptfigur ist anders, der ganze Film unterscheidet sich von dem, was sich sonst so an die Zielgruppe Jugend richtet. Als Kind wurde Ben von Arzt zu Arzt gereicht, die Diagnosen waren vielfältig, Autismus die nahe liegende. Der hochintelligente und hypersensitive Außenseiter verzichtet auf verbale Kommunikation, strukturiert den Alltag nach seltsamen Regeln und Ritualen, angefangen vom Waschen, Anziehen bis zum Essen oder das Haus verlassen, selbst die fürsorgliche Mutter, die wie eine Löwin für ihn kämpft, kann die Abkapselung nicht aufbrechen. Ben ist im Online-Spiel "Archlord" ein toller Held, der sich in der Wirklichkeit nicht wehrt, dem Mobbing der Mitschüler ausgesetzt ist. Mit seiner Internetgefährtin Scarlite meistert er alle Herausforderungen, denen er im wahren Leben nicht im mindesten gewachsen ist. Als zwei besonders gewalttätige Kids ihn vor der Klasse demütigen, ihm die Hose vom Körper reißen und er halbnackt unter dem Gejohle des wilden Haufens leidet, ist das Maß voll. Dennoch vermag er es nicht, sich den Lehrern oder seiner Mutter mitzuteilen. Ein mitfühlender Freund gibt ihm die "Happy Slapping"-Bilder, die er unter seelischen Qualen immer wieder anschaut. Ein weiteres Zusammentreffen mit den beiden Hauptquälgeistern bringt ihn zu dem Entschluss, seinem Leben ein Ende zu setzen: Game Over. In diesem Augenblick tritt Scarlite leibhaftig an seine Seite. Traum oder Realität Ben findet sein ureigenes Universum. Kein Happy End, aber auch keine deprimierende Tragödie. Der belgische Schriftsteller und frühere Filmkritiker Nic Balthazar legt mit der Verfilmung seines eigenen Jugendbuches "Nichts war alles, was er sagte" ein reifes Regiedebüt über Toleranz und Intoleranz hin. Trotz aktueller und brisanter Themen wie Selbstmord, Mobbing, Happy Slapping, Drogen oder zerbrochene Familien, Flucht in die virtuelle Realität von Video Games, Chat Rooms oder Internetkommunikation schildert er ohne Besserwisser-Pädagogik das bedauernswerte Schicksal des von Nervosität und Unsicherheit geplagten Jungen, der sich Kopfhörer in die Ohren steckt, um nichts mitzukriegen, was um ihn herum passiert ideal besetzt von Greg Timmermans mit seinem unruhigen Blick, den fahrigen Gesten, der Hilflosigkeit Aggression gegenüber. Und wenn er neben dem Objekt der Begierde im Zug sitzt, keinen Ton rauskriegt und wie von Furien gehetzt wegläuft, empfindet man nicht Mitleid, sondern große Zärtlich für diesen Menschen in seiner emotionalen Fragilität. "Ben X" der nach der internationalen Festivalkarriere auch eine Kinokarriere hinlegen sollte, wartet mit einem total überraschenden Ende auf. Autismus ist nur eine Allegorie, ein Symbol. Denn für den Regisseur gibt es viele Jugendliche, die sich nicht der Norm unterwerfen, sondern ganz anders in ihrem Kopf funktionieren. Übrigens nicht nur Autisten, sondern Menschen, die bewusst anders sein wollen, sich nicht dem Diktat der von den Medien indoktrinierenden "Idealvorstellung" beugen wollen. Der Film ist auch eine Verbeugung vor denjenigen, die mit Autismus leben, Betroffene und Eltern. Ein 14Jähriger bedankte sich beim Regisseur es gehe ihm ähnlich wie Ben, nur habe er diesen Zustand aus Scham bisher verschwiegen. Nach dem Film werde er es aber seinen Schulkameraden sagen, die würden ihn dann besser verstehen. Gibt es ein faszinierenderes Lob? |
|||||||||||||
|
|
|||||||||||||