In ihrem Debütfilm erzählt Lola Randl, wie die gut sortierte Welt der Wissenschaftlerin Agnes – Mann, Kind, Job, Einfamilienhaus – auf einmal ins Wanken gerät, als Agnes ihrer Schwester einen Gefallen tut und auf eine fremde Wohnung aufpasst. Zunächst fährt sie immer öfter dorthin und träumt sich in das Leben der Bewohner. Dann beginnt sie eine Affäre mit einem Unbekannten. Die souverän erzählte Geschichte eines halben Ausbruchs. |
D 2008 - 104 Min.; ab 12;
Regie: Lola Randl;
Darsteller: Sylvana Krappatsch, André Jung, Samuel Finzi, Jule Böwe, Isabel Metz, Stephan Ullrich, Melanie Spielmann, Maria Faust, Konrad Domann, Lina Beckmann, Felix Bröckling.
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Diesmal war bei der Kurzfilmwoche
ein Langfilm zu sehen. Mit gutem Grund. Die Regisseurin der „Besucherin“, Lola Randl, die Regensburger Wurzeln hat, begann als Kurzfilmerin und gewann u.a. zweimal bei der Regensburger Kurzfilmwoche einen Preis. Ihr erster Langfilm schaffte es ins Programm der diesjährigen Berlinale. So etwas ist nicht alltäglich. Nun hatte er bei der Kurzfilmwoche seine Regensburg-Premiere. 2009 kommt „Die Besucherin“ in
die Kinos.
Die Hauptfigur ist eine Frau, Hirnforscherin
von Beruf. Bereits in der ersten Sequenz wird klar, wie diese Agnes „tickt“. Sie überfährt einen Mann, der sich vom Balkon vor ihr Auto stürzt. Daraufhin wirkt sie kurz konsterniert, misst dann sachlich seinen Puls, lässt sich aber ihren Geburtstag mit Mann, Tochter und Freunden nicht vermiesen. Doch auch da erscheint sie eher distanziert, großäugig seelenlos. Deshalb glaubt man am Ende des Films, als Agnes zu ihrem Mann ins Bett kriecht, um reumütig die kalte Beziehung zu retten, auch nicht, dass ihr dies gelingen wird. Denn es würde sich nicht um eine Willenssache handeln, es ist eine Charaktersache. Agnes ist zwar hilfsbereit, aber absolut nüchtern, nicht unfreundlich, aber emotionslos, sie ist tolerant, denn sie ist völlig desinteressiert, sie wirkt souverän,
aber amputiert.
Der Film gehört zu einer ganzen Reihe von neueren (deutschen) Filmen, die die mangelnde Seelentiefe und Moral und vor allem die Egozentrik beim finanziell saturierten, aufgeklärten Bildungsbürgertum betrachten. Die „Besucherin“ übt Kritik speziell an der erfolgreich berufstätigen, unabhängigen Frau. Agnes’ Ehemann ist Krimiautor, Hausmann und Vater. Sie kommt und geht, wann sie will, häufig auch in eine fremde Wohnung, wo sie die Blumen gießt. Die Bewohner kennt sie nicht. Agnes ist auf einer Suche, will vielleicht einen Mangel ausgleichen. In der Wohnung trifft sie einen Mann, mit dem sie sich sexuell einlässt. Auch in diesem Rahmen benimmt sie sich gefühllos
und daneben.
Die Regisseurin und die hervorragende Hauptdarstellerin
Sylvana Krappatsch zeichnen ein Mentalitätsbild. Die Frau von heute hat inzwischen nicht nur die einstige gesellschaftliche Rolle des Mannes übernommen. Sie hat auch seine, von der Frauenbewegung immer wieder gebrandmarkten, männlichen Eigenschaften geerbt. Daraus folgt: eine bestimmte Lebensform begünstigt bestimmte Verhaltensweisen. Aus der einstigen Männerkritik
wird in diesem Film die Beschreibung einer Gesellschaftsform mit
ihren Vorteilen und Kosten. Inwieweit sie zutrifft, ist eine andere
Frage.
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