Alejandro Gonzalez Iñàrritu, zuletzt
in den deutschen Kinos erfolgreich mit "Babel", liefert
mit seiner vierten Regiearbeit seinen bisher besten Film ab, ein
poetisches und dringliches Epos zwischen hartem Realismus und erhebender
Spiritualität, das den Wert des Lebens gerade in den nicht allzu
erfreulichen Momenten feiert. Die Augen kann ohnehin nicht von der
Leinwand wenden: Spaniens Superstar Javier Bardem gelingt mit seiner
Darstellung des Uxbal ein schauspielerischer Meilenstein: ein harter,
gebeutelter und doch unendlich zärtlicher Mann, der nach Harmonie
und Erlösung strebt.
Spanien
/ Mexiko 2010
- 147 Min.; ab 12;
Regie: Alejandro González Iñárritu;
Darsteller: Javier Bardem, Maricel Álvarez, Eduard Fernández, Hanaa
Bouchaib, Ana Wagener, Manolo Solo, Rubén Ochandiano, Guillermo Estrella,
Cheikh Ndiaye.
Wuchtige Reflexion vom mexikanischen Kinopoeten Alejandro
Gonzáles Inarritu über das Leben als kurze Station zwischen Geburt
und Tod.
Alles, aber nicht "biutiful" ist die Realität
von Uxbal, der in einem Barcelona weitab bekannter touristischer
Impressionen mit seinen zwei Kindern unter Einsatz nicht ganz legaler
Mittel zu überleben versucht. Inarritú, der sich von seinem Drehbuchautor
Guillermo Arriaga von "Amores Perres", "21 Grams" und "Babel" trennte,
erzählt über 140 Minuten in überraschend linearer Struktur mit einer
Person im Mittelpunkt, ohne mit Vor- und Rückwärtsschleifen und verschachtelten
Handlungssträngen zu irritieren.
Am Rande der Gesellschaft muss der
zärtliche und liebende Vater um jeden Euro kämpfen, er vermittelt
illegal ins Land geschmuggelte Chinesen als Billig-Arbeiter an Bau-Firmen
und Afrikaner in schlechtest bezahlte Jobs, schmiert Polizisten und
mischt im Drogengeschäft mit, nimmt nebenbei gegen Geld Kontakt mit
den Seelen frisch Verstorbener auf. Als er von seinem Prostata-Krebs
erfährt und davon, dass er nur noch wenige Monate zu leben hat, versucht
der Todgeweihte Ordnung ins Chaos zu bringen, die letzten Dinge zu
regeln und gleichzeitig weiterhin den komplizierten Alltag zu bewältigen:
Ein schmerzhaftes und verstörendes Rennen gegen die Zeit.
In rauen
Bildern und einer visuell mitreißenden Handkamera von Rodrigo Prieto,
die die fiebrige Energie der Straße einfängt und dem Antihelden immer
ganz nahe bleibt, entfaltet sich ein Drama zwischen Neorealismus
und magischem Realismus mit einem Mann, der die innere Verletzbarkeit
mit Härte kaschiert. Selbst wenn der Menschenhändler mit Herz Gutes
tut und die in kalten Souterrain-Räumen untergebrachten modernen
Sklaven aus Fernost mit Gas-Öfchen versorgt, hat das katastrophale
Folgen. Gustavo Santaolallas eindringlicher Score von Orchestermusik
bis zu einzelnen Gitarrenklängen unterstreicht bis zur Gänsehaut
akustisch den emotionalen Alptraum. Javier Bardem als moderner Märtyrer
zwischen Schuldgefühlen, Moral und Verzweiflung hin- und hergerissen,
trägt die Last der Welt und den Film auf seinen Schultern, eine psychisch
und physisch fulminante Leistung, die ihm den Darstellerpreis in
Cannes, eine Oscar- und eine BAFTA-Nominierung einbrachte. Er verleiht
dieser Mischung aus Charakterstudie und melancholischem Poem ein
Gesicht, das man so schnell nicht vergisst.