„Cheyenne - This Must Be The Place“ von Paolo Sorrentino („Il Divo“) begeistert mit einem grotesk geschminkten Sean Penn: Seine Figur Cheyenne, ein ehemaliger Rockstar aus Dublin, setzt nach dem Tod des jüdischen Vaters in den USA dessen Suche nach einem deutschen KZ-Wärter fort. Diese Selbstfindung wird von kuriosen Begegnungen und schrägen Blicken auf Amerika bebildert. Ein Augenschmaus der anderen Art, dessen Figuren für emotionalen und intellektuellen Tiefgang sorgen.

Originaltitel: This Must Be the Place;
Italien / Frankreich / Irland 2011 - 118 Min.; ab 12;
Regie: Paolo Sorrentino;
Darsteller: Sean Penn, Frances McDormand, Judd Hirsch, Eve Hewson, Kerry Condon, Harry Dean Stanton, David Byrne
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Wer Sean Penn mag, kann ihn beim Cannes-Film „This must be the Place“ volle Kanne genießen: Penn gibt die ungemein originell jämmerliche Gestalt des ehemaligen, nicht besonders würdevoll gealterten Rockstars Cheyenne. Mick Jagger habe einst mit ihm gesungen - nicht umgekehrt, wie Cheyenne betont. Ihn als lebende Legende zu beschreiben, wäre übertrieben, weil der von zu vielen Drogen sichtlich Mitgenommene vom Reichtum erdrückt in einem überstilisierten Mausoleum dahinschlurft. „Cuisine“ steht in Großbuchstaben auf der Wand der Küche - kann man hirnlosen Design-Überfluss knapper ausdrücken?
Mausoleum nennt es seine freche Gattin Jane, eine sehr witzige, trotz Drehleiter-Einsatz geerdete Feuerwehrfrau, die mit Frances McDormand perfekt besetzt ist. Seine blasse Goth-Schminke legt der Alt-Rocker immer noch auf, so sieht er aus wie eine schlecht konservierte Kopie des Cure-Frontmannes Robert Smith. In albernen Outfits spielt er im leeren Pool seiner Dubliner Villa ohne Handschuh Pelota. Ansonsten schaut er unendlich einsam, grundverstört und sehr, sehr hilflos in die Welt. Diesen Blick kann man sich von niemand anderes als von Sean Penn vorstellen. Der verständliche Grund der Traurigkeit klingt bitter: „Ich habe depressive Lieder für depressive Kinder gemacht und zwei von denen haben sich umgebracht. Mein Schmerz darüber wird trotz der Besuche am Grab nicht geringer.“ Jane hingegen meint, Cheyenne sei nicht depressiv sondern gelangweilt, sonst könnte er nicht immer wieder mit einer Begeisterung wie beim ersten Mal Sex haben.
Die Lösung kommt unerwartet mit der Nachricht vom baldigen Tod seines Vaters in New York. Trotz 30 Jahren Trennung und Angst vor dem Fliegen macht Cheyenne sich auf den Weg. Während der Überfahrt gibt er den Tussen Modetipps. Verloren macht er die Trauerrituale seiner entfernten jüdischen Familie mit und erfährt sehr überrascht, dass sein Vater ein Leben lang den deutschen KZ-Wärter Alois Lange (Heinz Lieven) suchte, der ihm eine tiefe Verletzung zugefügt hatte. Zwar völlig ahnungslos aber spontan entschlossen, setzt Cheyenne diese Suche mit launiger Unterstützung des professionellen Nazi-Jägers Mordecai Midler (Judd Hirsch) fort und tapst wie (Lou Reeds) „Passenger“ durch ein skurriles bis absurdes Amerika. Hier findet Sorrentinos scharf sarkastischer Blick, den er schon auf einen faszinierend abstoßenden Kredithai („L'amico di famiglia“, 2006) und auf die italienische Regierungskaste („Il Divo“, 2008) warf, zahlreiche dankenswerte Objekte. Dabei ist „Cheyenne“, die erste englischsprachige Produktion des Neapolitaners, milder und menschlicher. Im Staunen über diese seltsame Welt versteht man den verstörten Blick des Protagonisten immer mehr, identifiziert sich mit dieser nur anfangs lächerlich wirkenden Gestalt.
Sorrentino, der in „Le conseguenze dell'amore“ (2004) schon einen sehr emotionalen Auftragskiller zeigte, fesselt einerseits wieder mit schön ambivalenten Figuren. Diese platziert er dann in Schaukästen skurriler Lebensweisen, die wie beispielsweise der Gegensatz zwischen dem ultramodernen Ufo des Dubliner Fußballstadions und den umgebenden kleinen Einfamilien-Reihenhäusern oft einer aufmerksamen Beobachtung real krasser (Bild-) Verhältnisse entspringen. Das äußerlich Absurde trägt jedoch immer eine innere Sinnigkeit in sich - das gilt auch für Cheyenne. Ein heiliger Narr, der nicht lügen kann und mit seinen immer ehrlichen, im weinerlichen Zeitlupen-Ton vorgetragenen Bemerkungen verstört oder amüsiert. Je nach eigener Geisteshaltung.
Sorrentino lernte Sean Penn als Jury-Präsident in Cannes kennen. Die Figur ist ihm auf den Leib geschrieben und überrascht - auch wenn Penn gerade immer wieder mit seiner Vielseitigkeit begeistert: Als verlorenes großes Kind in „The Tree of Life“, als moderner Kohlhaas in „Attentat auf Richard Nixon“, als schwuler Aktivist in „Milk“. Auf diesem Selbstfindungs-Trip lernen wir noch den Erfinder der Trolleys kennen (Harry Dean Stanton) und dürfen eine großartige Show-Nummer lang David Byrne erleben. Sein Titelsong - besser bekannt unter dem Refrain „Home“ - ist mehrfach zu hören. Der ehemalige Talking Heads-Kopf spielt sich selbst als einen von Cheyenne verehrten Künstler. Und das ist auch die Liga, in die man Sorrentino verorten kann: Eigenwillige Kunst, die - reich in Form und Inhalt - immer wieder überraschen und begeistern kann.

Günter H. Jekubzik (programmkino.de)