1916 erfand sie den wadenlangen Rock mit lockerem
Oberteil, vier Jahre später das "Kleine Schwarze", und
1923 brachte sie das Parfum "Chanel Nr. 5" auf den Markt.
Sie ist eine von Geheimnissen und Skandalen umwitterte Legende von "tout
Paris", Gefährtin von Berühmtheiten, Nazi-Kollaborateurin, emanzipierte
Frau: Gabrielle "Coco" Chanel. Eine Ikone, an die sich
Regisseurin Anne Fontaine mit Audrey Tautou in der Hauptrolle ohne
Scheu und ehrfurchtsvolle Distanz heranwagt.
Szene aus Coco Chanel
Da ist das kleine Mädchen, das mit ihrer Schwester 1893 ins Waisenhaus
kommt und sonntags sehnsüchtig auf den nie auftauchenden Papa wartet.
Die süße Kaschemmensängerin ohne große Stimmkraft, die kleine Provinz-Näherin,
raffinierte Maîtresse des Schlossherrn Etienne Balsan, hingebungsvolle
Geliebte des Engländers Boy Chapel, der trotz Leidenschaft eine andere
heiratet und dessen Tod sie aus der Bahn wirft. Und Coco Chanel ist
auch die Rebellin gegen Konventionen, die ein selbst bestimmtes Leben
wählt.
Regisseurin Anne Fontaine erzählt ihr Biopic aus der Perspektive
von Coco Chanel selbst. Dabei beschränkt sich der Film auf den Aufstieg
der jungen hübschen Frau, die Gardinen ähnliche Kleider ablehnt,
Korsett, Federn und albernen Verzierungen den Kampf ansagt, Mode
auf das Wesentliche reduziert. In der Welt der Oberflächlichkeiten
wirkt Coco Chanel wie ein Fremdkörper, lenkt im schlichten Abendkleid
oder im berühmten gestreiften Marinepulli (zeitlich etwas vorgezogen)
dennoch die Blicke auf sich. Der Film umfasst die ersten 28 Jahre,
die Weichenstellung zur großen Karriere. Das Produktionsdesign ist
vom Feinsten, "Amélie" Audrey Tautou personifiziert die
Modernität der Figur, zerbrechlich und zäh, berechnend und bestimmend,
stolz und stark.
Mit der Epoche vor dem Ersten Weltkrieg zeichnet Fontaine auch ein
Stück Zeit- und Sittengeschichte, eine Gesellschaft von Dandys und
Erben, die in den Tag hineinleben und Vermögen verprassen, sich bei
Pferderennen und Gartenparties nach strengen Standesnormen langweilen,
weit weg von der Wirklichkeit. In diese Gesellschaft taucht Coco
Chanel ein, als sie in Paris mit der unvermeidlichen Zigarette im
Mundwinkel nicht nur Hüte entwirft, sondern bald eine Kollektion,
die durch Einfachheit Furore macht.
Wenn die Models beim Défilé nur als Reflexionen in den Spiegeln
zu sehen sind und sich das Bild einer glücklichen Coco nach dem Triumph
dreifach im Spiegel bricht, suggeriert das nicht nur ihre persönliche
Sicht der Dinge, sondern auch die Gebrochenheit und Komplexität ihres
Charakters. Genau an diesem spannenden Punkt endet der Film. Schade,
man hätte gerne noch mehr von dieser schillernden Figur erfahren.
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