Der spannende Ensemblefilm ist
mit Sebastian Blomberg, Ulrich Thomsen, Burghart Klaußner und Katrin
Sass hochkarätig besetzt. Wie unter einem Brennglas werden die Verstörungen,
Ängste und Abgründe der beteiligten Personen bloßgelegt. Jeder hat
etwas zu verbergen, jeder wird auf seine Weise von den Geistern der
Vergangenheit verfolgt. "Das letzte Schweigen" zeigt die
Hochhaussiedlung als Hölle und den pädophilen Mörder als Jedermann
aus der Nachbarwohnung. Das Grauen ist nicht greifbar, aber allgegenwärtig,
die Auflösung des Verbrechens findet eher beiläufig im Schatten ganz
anderer Tragödien statt. Das macht diesen Film extrem beunruhigend,
aber auch psychologisch faszinierend bis zur letzten Sekunde. Und
wenn Sebastian Blomberg, der Rudi Dutschke aus Eichingers "Der
Baader Meinhof Komplex", durch diesen Film nicht endgültig zum
Star wird, dann gibt es keine Gerechtigkeit. |
D
2009 - 118 Min.; ab 16;
Regie: Baran bo Odar;
Darsteller: Ulrich Thomsen, Wotan Wilke Möhring, Katrin Sass, Burghart
Klaußner, Sebastian Blomberg, Karoline Eichhorn, Roeland Wiesnekker,
Claudia Michelsen, Oliver Stokowski, Jule Böwe.
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Warmes Licht fällt auf das bald erntereife Kornfeld,
die Hitze flimmert auf dem sandigen Feldweg, Grillen bezirpen den
blauen Himmel: All das ergibt ein Bild, das einer perfekten Sommeridylle
ziemlich nahekommt. Es ist das Bild, das sich Timo aus dem am Feldweg
parkenden Auto heraus bietet, und er würde es so gerne genießen.
Allein: Er müßte ein ganz wesentliches Detail in diesem Gesamtbild
ausblenden. Ein Mädchenfahrrad zum Beispiel, das umgekippt am Feldrand
liegt, die Schreie, die zu ihm durchdringen, und natürlich seinen
Kumpel Peer, der sich im Kornfeld gerade brutal an einem Mädchen
vergeht und es anschließend ermordet. Nein, ausblenden kann Timo
das nicht. Aber vielleicht vergessen, irgendwann. Am besten gleich.
Und so verläßt der Student keinen Tag später die Stadt, ändert seinen
Namen und gründet eine Familie in der Fremde. Nach 23 Jahren erfolgreichen
Vergessens schreckt ihn erst eine Nachricht im Fernsehen wieder auf:
Eine Kinderleiche wurde gefunden. In einem Kornfeld. Genau wie damals.
Sympathien oder nicht: Die Figuren in Baran Bo Odars Langfilmdebüt
Das letzte Schweigen unterscheiden sich in ihrem Leidensdruck nur
unwesentlich voneinander. Verschorft und vernarbt, verletzt und gebrochen
sind alle ihre Seelen, seien sie Polizisten oder friedliche Bürger,
liebende Eltern oder brutale Kinderschänder. Das kleinstädtische
Leben, das sie seit Jahren führen, scheint Angriff um Angriff auf
ihr Dasein zu fechten und dadurch einen Druck aufzubauen, der jede
Bewegung zur Anstrengung macht. Das letzte Schweigen verbreitet mit
seinen gelähmten, hilflosen Figuren eine dumpfe, fast bedrohliche
Atmosphäre, die besonders durch die Verwendung der herausragenden
Musik pointiert unterstrichen wird. In wunderlichen »Air«-Sound gekleidet
schwellen ätherische Melodien an und vereinen auf bizarre Weise die
Schönheit der Bilder, die Traurigkeit der Figuren sowie die Widerwärtigkeit
des Geschehens zu einem düster-hypnotischen Ganzen.
Das illustre
Ensemble um Wotan Wilke Möhring, der seit Jahren so regelmäßig mit
tollem Spiel überrascht, daß es langsam keine Überraschung mehr ist,
um den Dänen Ulrich Thomsen, der seinen pädophilen Mörder erschreckend
real werden läßt, um Sebastian Blomberg, der eingängig den reflektierten
Depressiven gibt, und um Katrin Saß, deren trauernde Mutter als nahezu
einzige Figur an Stärke zu gewinnen vermag – das ganze Ensemble also
trägt bedeutend dazu bei, daß der Film nicht als bloßer Whodunnit,
sondern in erster Linie als psychologische Studie fesselt. Und als
solche ragt Das letzte Schweigen auch dank einer sehr persönlichen
gestalterischen Handschrift deutlich heraus. |