Es gibt nicht viele Regisseure,
denen man so blind vertrauen kann. Die gleichsam eine lebenslange
Garantie für Qualität auf der Leinwand bieten und zudem bei jedem
neuen Werk einen Trumpf im Ärmel haben. In seinem 18ten Film wagt
Spaniens Erfolgsregisseur Pedro Almodóvar einen Ausflug ins Horror-Genre.
Erstmals seit „Fessle mich“ von 1990 hat der Mann aus La Mancha seine
Entdeckung Antonio Banderas wieder mit an Bord. Der gibt den schönen
Schönheitschirurgen Roberto, dessen Frau bei einem Autounfall schwer
verletzt wurde. Mit diesem Schicksal will sich der Arzt nicht abfinden,
fortan spielt er Gott und Rächer. Ein trauriger Frankenstein schafft
ein hübsches Monster – mehr darf kaum verraten werden, um den Genuss
an den grandios wahnwitzigen Wendungen dieser famos inszenierten
Geschichte nicht zu schmälern. Mehr Staunen über eine Story ist kaum
möglich. |
Originaltitel:
La piel que habito;
Spanien 2011 - 120 Min.; ab 16;
Regie: Pedro Almodóvar;
Darsteller: Antonio Banderas, Elena Anaya, Marisa Paredes, Jan Cornet,
Roberto Álamo, Blanca Suárez, Eduard Fernández, Bárbara Lennie, Isabel
Blanco.
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Professor Roberto Ledgard (Antonio Banderas)
ist ein überaus erfolgreicher Schönheitschirurg, der auch bei seiner
Stammzellenforschung führend ist – kleinliche Ethikkommissionen findet
er da nur hinderlich. Wir schreiben das Jahr 2012, Legard hat bereits
neun Gesichter erfolgreich verpflanzt und arbeitet an der künstlichen
Erschaffung menschlicher Haut. In seiner abgelegenen, hinter Mauern
versteckten eleganten Privatklinik ist die hübsche Vera (Elena Anaya)
die einzige Patientin. Von der Haushälterin (Marisa Paredes) wird
sie per Video auf Schritt und Tritt überwacht. Der Doktor verfolgt
mit höchstem Interesse die Fortschritte ihrer Heilung. Doch warum
wird Vera wie eine Gefangene gehalten? Und warum sieht sie Robertos
bei einem Autounfall entstellten Frau so unglaublich ähnlich?
Achtung
Spoilerwarnung:
Wer sich von den Wendungen dieser astronomisch absurden
Geschichte in vollen Zügen überraschen lassen möchte, sollte an dieser
Stelle nicht weiterlesen, sondern zum nächsten Absatz übergehen.
Dass der moderne Frankenstein sich mit Vera das Ebenbild seiner verunglückten
Ehefrau zimmert, ist unschwer zu ahnen - wer wirklich hinter der
geheimnisvollen Dame steckt, ist schon etwas kniffliger. Unser Roberto
nämlich hat auch eine junge Tochter. Die wird auf einer Party von
ein paar Jungs unter Drogen gesetzt, vergewaltigt und ist so traumatisiert,
dass sie sich wenig später das Leben nimmt. Der entsetzte Vater kann
den Peiniger ausfindig machen und entführt ihn. Im ersten Schritt
der Rache wird der junge Mann fachgerecht seiner Männlichkeit beraubt.
Anschließend wird er zur Frau operiert. Und schließlich bekommt er,
nicht ganz legaler OP-Technik sei Dank, das Gesicht von Robertos
verunglückter Frau aufgepflanzt. Fortan lebt der Doktor im Eheglück
mit dem Vergewaltiger seiner Tochter, der/die sich in das Schicksal
der Ersatz-Gattin zu fügen scheint. Doch damit nicht genug: Von dem
überraschend (im Tigerkostüm!) auftauchenden Sohn der Haushälterin
wird „Vera“ vergewaltigt. In letzter Minute wird er von Roberto erschossen
– der erst später erfahren soll, dass er da unwissentlich seinen
Bruder getötet, weil die Haushälterin schließlich seine heimliche
Mutter ist.
Spoilerentwarnung:
Die Stammzellen-Versuche geraten zu
einer flotten Frischzellenkur für den guten alten Frankenstein. Den
Grusel-Mythos mischt Almodóvar mit amüsiertem Augenzwinkern und ganz
großer Lust am Fabulieren zu einem melodramatischen, famos verspielten
und verschachtelten Thriller auf, clevere Zeitsprünge inklusive.
Einmal mehr geht es dem spanischen Frauenversteher um die Themen
Identität und Geschlechterrollen – und natürlich spielt Mutti dabei
wieder eine elementare Rolle. Die schräge Story (nach dem Roman von
Thierry Jonquet) mögen Kostverächter als Telenovela-Trash abtun,
doch keine Seifenoper wird derart grandios erzählt, so stilsicher
und bilderstark inszeniert. Die exquisite Ausstattung gerät zum opulenten
Vergnügen. Banderas läuft zu alter Hochform auf, ebenso wie Almodóvars
Altmuse Marisa Paredes, der charismatische Newcomer Jan Cornet und
die hübsche Heldin Elena Anaya, der man in Cannes gerne den Schauspiel-Preis
gegönnt hätte. Aber auch ohne Palme hat diese „Haut“ alles, was ein
Almodóvar braucht. Pedro olé!
Dieter Oßwald (programmkino.de) |