Die „fetten Jahre“ waren für Hans Weingartner zwar schon anno 2004 vorbei, doch nun sind sie es mehr denn je. In seinem neuen (Psycho-)Drama erzählt der Regie-Rebell von einem erfolgreichen Mathematiker, der dem Leistungsdruck nicht mehr gewachsen ist. Mit einer Hütte im Wald möchte er seine klitzekleine Utopie eines besseren Lebens verwirklichen – doch die Staatsmacht lässt nicht lange auf sich warten. Einmal mehr setzt sich Weingartner rigoros mit den Widrigkeiten einer unmenschlichen (Leistungs-)Gesellschaft auseinander. Erneut interessiert ihn das schillernde Verhältnis von Wahnsinn und Normalität. In Zeiten großer Burn Out-Debatten auf den Titelseiten allemal kein ausgebranntes Thema. Der Film dürfte auf reichlich Resonanz bei Presse und Publikum stoßen – zumal in Sachen Kultstatus die fetten Jahre für Weingartner noch längst nicht vorbei sind.

D 2011 - 120 Min.; ab 12;
Regie: Hans Weingartner;
Darsteller: Peter Schneider, Henrike von Kuick, Timur Massold, Andreas Leupold, Julia Jentsch, Eleonore Weisgerber, Robert Schupp.

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Mit „Das weiße Rauschen“ hat er sein überaus eindrucksvolles Debüt vorgelegt. Mit „Die fetten Jahre sind vorbei“ gelang Hans Weingartner danach 2004 in Cannes der große Coup – der alsbald zum gefeierten Kultfilm avancierte. Von goldenen Zeiten ist auch sieben Jahre später nichts zu spüren, ganz im Gegenteil. In seinem neuen Drama erzählt der Regie-Rebell die Geschichte des erfolgreichen Mathematikers Martin Blunt (Peter Schneider), der dem Leistungsdruck nicht mehr gewachsen ist, in der Psychiatrie landet und danach Freundin und gutdotierten Job verliert. Wer nicht funktioniert wird aussortiert. Wer nicht passt, wird passend gemacht – oder landet ganz schnell ganz unten. Der Arbeitslosigkeit folgt der Absturz in Alkohol und Obdachlosigkeit. Erst in dem ukrainischen Straßenkind Victor findet der Held der traurigen Gestalt einen Verbündeten. Die beiden bauen eine Hütte im Wald und träumen von einem besseren Leben ohne Zwänge. Auch die Zahnarzthelferin, der das ungleiche Duo einen weggeworfenen Liebesbrief hinterträgt, lässt sich spontan von der Utopie des selbstbestimmten Daseins begeistern – vor dem Aussteiger-Happy End im sonnigen Portugal erfolgt allerdings der erbarmungslose Zugriff der Staatsmacht.

Hans Weingartner ist gewissermaßen der Anti-Schweiger des deutschen Kinos im doppelten Sinn. Zum einen macht er das Gegenteil von gefälligem „Keinohrhasen“-Kuschelkomödien. Zum anderen schweigt er nicht über gesellschaftliche Missstände, wie beim „Weißen Rauschen“ geht es erneut um psychisch fragile Figuren und ihren Kampf gegen die Windmühlen des Systems – nicht umsonst verweist der Name des „ver-rückten“ Helden auf „Blunt, oder der Gast“, das erste deutsche Schicksalsdrama überhaupt, das Carl Moritz anno 1781 veröffentlichte. Damit nicht genug der Anspielungen, auch der neue Titel (der die ursprüngliche „Hütte im Wald“ ersetzt), ist eine hübsche Verbeugung vor dem guten alten Aristoteles, für den „das Ganze mehr als die Summe seiner Teile“ war. Solche Referenzen sind freilich nur die Sahnehäubchen einer Story, die auch ganz schlicht und einfach funktioniert und bewegt. Neben dem gelungenen visuellen Konzept gebührt ein entscheidender Anteil daran dem Hauptdarsteller Peter Schneider, der den sensiblen Außenseiter mit überzeugender Glaubwürdigkeit und Charisma ausstattet – wie einst mit dem unbekannten Daniel Brühl ist dem Regisseur mit dieser Entdeckung ein bemerkenswerter Talent-Coup gelungen. Zynische Zeitgenossen mögen das ambitionierte Werk routinemäßig als Gutmenschenkino abtun. Als zu plakativ und botschaftsträchtig. Beim geneigten Publikum dürfte freilich auch dieser Weingartner wieder einen Nerv der Zeit treffen. Umso mehr, als dieses packende Psychodrama auf naheliegende Gefühlsduseleien konsequent verzichtet und lieber auf Wahrhaftigkeit setzt. Mutiges Kino mit allerhand Nachhaltigkeitsfaktor.

Dieter Oßwald (programmkino.de)