Erst eine Flucht, dann eine Rückkehr. „Die Welt ist
groß und Rettung lauert überall“ beginnt exakt in der Mitte. Alexander
und seine aus Bulgarien stammenden Eltern leben da bereits seit rund
20 Jahren in Deutschland. Dann verliert ein Mercedes unfreiwillig
die Bodenhaftung, die Eltern sterben, Alexander findet sich mit einer
retrograden Amnesie, ohne jegliche Erinnerung an den Unfall und sein
früheres Leben also, auf einer Krankenstation wieder. Als sein Großvater
vom Unglück erfährt, will er seinen Enkel, liebevoll Sashko genannt,
zurück in die Heimat holen. Auch wenn er den eigensinnigen, aber
durchaus lebensfroh verschmitzten Großvater zunächst nicht als diesen
erkennt, auf der gemeinsamen, ungewöhnlicherweise per Tandem durchgeführten
Reise erinnert sich der eher lethargische Alexander nach und nach
auch wieder an seine Kindheit und die Stationen seiner Flucht.
Der aus Bulgarien stammende Regisseur Stephan Komandarev hat gut
daran getan, die in Ilija Trojanows Buchvorlage vorhandenen langen
Reisebeschreibungen außen vor zu lassen und sich auf die wesentlichen
Stationen dieser von einem doppelten Aufbruch handelnden Geschichte
zu konzentrieren. Die Szenen der Flucht wie auch der Rückkehr gestaltet
Komandarev dabei in nostalgisch gefärbten, warmen, erdigen und harmonischen
Tönen, das Leben in Deutschland hält er in kalten, Einsamkeit und
Fremde symbolisierenden Farben. Als Kontrapunkt zum Schwermut der
Geschichte dient immer wieder auch die lebenslustige, energetische
Musik balkanischer Herkunft, die indirekt ja auch für Chaos und Anarchie
– kurz: Lebenswillen - steht.
Während Großvater und Enkel beherzt in die Pedale in Richtung Südosten
treten und dabei immer wieder herrliche Landschaftsaufnahmen über
die Leinwand ziehen, blendet Komandarev zurück zu den Stationen der
Emigration. Hier erzählt er von den Schikanen in Übergangslagern,
dem Ausgeliefertsein an Macht und Korruption und der ewigen Hoffnung
auf ein besseres Leben. Bestimmt ist die ganze Geschichte aber auch
von der fast schon spirituell zu nennenden Philosophie des Backgammonspiels,
in dem der Großvater als Meister gilt. Dessen märchenhafte Kernaussage:
das Schicksal ist der Würfel in Deiner Hand, es kommt auf Dich und
Dein Können an.
Mit den größten Eindruck an dieser universellen europäischen Schicksals-
und Familiengeschichte hinterlässt der Part von Emir Kusturicas serbischem
Stammschauspieler Miki Manojlovic als Großvater Vasil. Sein lebenserfahrenes,
augenzwinkerndes Auftreten ist genau das, was dem zögerlichen Alex
(glaubwürdig gespielt vom Deutsch-Kroaten Carlo Ljubek) hilft, Vertrauen
und Zuversicht zu finden. Eine kleine Liebesgeschichte am Rande trägt
das ihre zu einem leicht sentimentalen Ende dieses insgesamt warmherzigen
Fahrr(o)admovies bei.
|