Ein deutscher Medizinstudent reist für sein praktisches Jahr in die kolumbianische Stadt Cali. Zahlreiche Opfer alltäglicher Bandengewalt muss er im Krankenhaus versorgen wobei die Hierarchien im überfüllten OP-Saal schnell verflachen. Zum Gewissenskonflikt kommt es, als ihm ein lokaler Drogenbaron ein unmoralisches Angebot macht. August Diehl ist in diesem bewegenden Slum-Drama in der Hauptrolle zu sehen.
D 2008 -- 106 Min.; ab 12;
Regie: Tom Schreiber;
Darsteller:
August Diehl, Marleyda Soto, Victor Villegas, Hernán Méndez, Andrés Parra, David Steven Bravo.

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Ganz behutsam zieht er mit der Zange die Patrone aus der tiefen Wunde. Die Arterie verfehlt er mit dem Skalpell nur knapp, trotzdem schießt das Blut über seine zitternden Hände. Marc ist hoffnungslos unterqualifiziert, trotzdem darf er operieren, denn er ist „Dr. Alemán“, der deutsche Doktor, wie ihn alle mit einem Hauch von Ehrfurcht nennen. Dabei ist Marc nur Student, der im kolumbianischen Cali sein praktisches Jahr absolviert und standesgemäß begrüßt wird. An seinem ersten Tag wird er mit Hitlergruß empfangen. Diesen Marc, gespielt von August Diehl (der im Film fließend Spanisch spricht), zeigt Regisseur Tom Schreiber als müden aber glutäugigen Draufgänger aus gutem Hause, der im berüchtigten Kolumbien nun auf ein wenig Thrill und Abenteuer aus ist, wohl auch deshalb, weil der deutsche Akademikeralltag ihn zutiefst langweilt.

Die erste halbe Stunde erinnert zuweilen an die dokumentarische Härte und Nähe von „City of God“, so dicht dran ist Tom Schreiber am harten Straßenalltag von Siloé, einem der ärmsten Viertel von Cali. Hier zwischen Bretterbuden und Wellblechhütten sucht der fremde Mediziner nach Authentizität, die Nähe zu Einheimischen und der entwaffnenden Ehrlichkeit der Armut, abseits seiner Kollegen, die alle der Oberschicht angehören und sich in ihren Anwesen hinter großen Sicherheitszäunen verstecken. Die Diskrepanz zwischen den Klassen, die Nichtexistenz einer Mittelschicht und vor allem die Tatsache, dass Marc der alltäglichen Gewalt ausgeliefert ist, arbeitet Tom Schreiber zum Hauptkonflikt seiner Geschichte heraus. Und die konzentriert sich voll und ganz auf ihren Protagonisten. Zwar werden ein Dutzend Nebencharaktere eingeführt, die aber alle merkwürdig blass und oberflächlich bleiben. Wohl ein absichtlicher Versuch die zunehmende Ohnmacht der fremdelnden Hauptfigur noch mehr zu verstärken.

Viel mehr ist „Dr. Alemán“ eine ernüchternde Beobachtung über die Spirale von urbaner Gewalt in Lateinamerika. Die Figuren sind lediglich Spielbälle der lokalen Gangs und Polizei, die sich längst über bestehende Gesetze hinweggesetzt haben. August Diehls Rolle, die auf den Erfahrungen eines Freundes von Tom Schreiber basiert, zeigt exemplarisch, wie trügerisch und naiv der Glaube an die vermeintliche Unantastbarkeit eines fremden Arztes sein kann. Der Film ist frei von moralischen Statements oder Vorwürfen, er seziert lediglich die endlos pulsierende Gewalt, verzichtet dabei aber aus ästhetischen Gründen auf die Darstellung solcher. Die Brutalität und ihre Folgen spielen sich hier in den Gesichtern ab, die allesamt von größter Erschöpfung und Müdigkeit gezeichnet sind. An die Ursachen wagt sich der Film lieber nicht heran und vermeidet Spekulationen über Drogen und andere Ursprungsmächte. Das wäre des Guten wirklich zuviel gewesen. Stattdessen darf August Diehl hier selber Kokain schniefen und seine missliche Lage für die Dauer des Rauschs einfach wegfeiern.