Mutig verwickelt Regisseur Tom Twyker in seinem neuen postmodernen Beziehungsreigen „Drei“ ein Berliner Paar aus dem Bildungsbürgertum in eine Ménage à trois. Seine lässig romantische Tragikomödie belässt es jedoch nicht bei der klassischen Dreiecksgeschichte. Getragen von seinen Schauspielern, allen voran der exzellenten Sophie Rois, spielt der 45jährige, der mit „Lola rennt“ seinen größten Erfolg feierte, alle Konstellationen durch bis hin zur harmonischen Utopie einer gelebten Dreierbeziehung. Sein Generationenporträt großstädtischer Mittvierziger beeindruckt nicht zuletzt durch die virtuose filmische Umsetzung seiner Versuchsanordnung experimenteller Beziehungsmöglichkeiten.

D 2010 - 119 Min.; ab 12;
Regie: Tom Tykwer;
Darsteller: Sophie Rois, Sebastian Schipper, Devid Striesow, Annedore Kleist, Angela Winkler, Alexander Hörbe, Winnie Böwe, Hans-Uwe Bauer, Peter Benedict,
Edgar M. Böhlke.

Homepage

Movie Database


Facebook

Experimentelle Paarbeziehungen sind in der Filmgeschichte durchaus etwas zeitloses, angefangen bei Lubitsch turbulenten „Serenade zu dritt“ über Truffauts „Jules und Jim“ bis hin zur luftig inszenierten Dreiecksgeschichte „Pourquoi pas!“ der französischen Regisseurin Coline Serreau. Nach seinen internationalen Großproduktionen wie dem Blockbuster „Das Parfum“ und dem Politthriller „The International“ stellt auch Tom Twyker, einer der innovativsten Regisseure Deutschlands, das konventionelle Glück zu zweit provokant auf die Probe. Konsequent inszeniert er den Tabubruch und jongliert spielerisch mit Beziehungsmöglichkeiten. Dabei kehrt der 45jährige, zwölf Jahre nach seinem Durchbruch mit „Lola rennt“ zurück nach Berlin, dem Mikrokosmos mit dem Charme der ewigen Baustelle.
Fernsehmoderatorin Hanna (Sophie Rois) und Kunsttechniker Simon (Sebastian Schipper) leben seit zwanzig Jahren ohne Trauschein zusammen. Das moderne Paar wohnt am Prenzlauer Berg in Berlin, kinderlos, arriviert und etwas ernüchtert. Gefangen zwischen Trott und Harmonie, gepflegter Langeweile und nachlassender sexueller Anziehung fragen sich die beiden 40jährigen: Soll das alles gewesen sein? Vor allem Simon, dessen Mutter Hilde (Angela Winkler) unheilbar erkrankt, konfrontiert das Leben mit existenziellen Fragen. Kurz nach ihrem Tod bekommt auch er gesundheitliche Probleme. Niederschmetternde Diagnose: Hodenkrebs. Trotzdem geht der Alltag des Paares zunächst scheinbar seinen gewohnten Gang bis sie sich, unabhängig voneinander in denselben Mann verlieben.
Adam Born (Devid Striesow), Stammzellenforscher, charmant, geheimnisvoll, tatkräftig. Hanna lernt den bisexuellen Genwissenschaftler im Ethikrat kennen, trifft ihn zufällig im Theater wieder, um bei der nächsten Begegnung schwach zu werden. Heimlich zunächst führt jeder der beiden seine Affäre mit dem passionierten Segler, der seine Kleinfamilie in Görlitz zurückgelassen hat. Schuldgefühle fegt die Lust hinweg. Bei einer Ausstellung begegnet das Paar dem gemeinsamen Liebhaber. Ein absurder Moment. Doch was zunächst wirkt wie der Plot zu einem Schwank entwickelt sich zur Tragikomödie für ein postmodernes deutsches Bildungsbürgertum. Eine ungewöhnliche Dreiecksbeziehung beginnt. Der Kampf mit dem Überbordwerfen herkömmlicher Beziehungsregeln fordert die Drei als Hanna unverhofft schwanger wird. In einem elegisch harmonischen Schlussbild beschwört Twyker am Ende die Utopie einer gelebten Dreierbeziehung.
Aufgewachsen in einer Zeit, in der Filme wie „Taxi zum Klo“ populär waren, scheint die liberale Haltung zu Homosexualität für Twyker, einem ehemaligen Schüler von Rosa von Praunheim, gewissermaßen selbstverständlich. Seine Spurensuche im Gefühlsleben einer Generation großstädtischer Mittvierziger, die versucht, ihre neuen Möglichkeiten und alten Sehnsüchte in Einklang zu bringen, erforscht die unkonventionelle Konstellation spielerisch und ernst zugleich. Die Liebe zu Dritt scheint eben doch unwiderstehlich. Dabei reißt der 45jährige auch kontroverse Themen an wie Stammzellenforschung oder Sterbehilfe. Damit freilich droht er den zweistündigen Film fast ein wenig zu überfrachten. Bestechend virtuos jedoch ist nach wie vor Twykers Bildsprache: unendlich nebeneinandergeschachtelte Split-Screenszenen, schwarzweiße Traumsequenzen und choreografierte Tanzeinlagen bis hin zu kontrastreichen Scherenschnitten. Alles sehr modern und ohne den klassischen chronologischen Ablauf.
Aber seine Bilanz über die Liebe der 40jährigen ist nicht nur ein liebevoll-ironischer Blick auf erlebnishungrige Großstädter, er ist auch ein willkommenes Spielfeld für seine drei herausragenden Schauspieler: Sophie Rois, Devid Striesow und Sebastian Schipper. Vor allem die impulsive Österreicherin Sophie Rois steckt voller Esprit und außerordentlich komischen Talent. Selbst in belanglosen Szenen findet das Ensemblemitglied der Berliner Volksbühne Gelegenheit für Pointen. Allein schon, wie sie nach der ersten Nacht ihrer Affäre frühmorgens im Taxi sitzt und sich die wechselnden Gefühle nuancenreich auf ihrem Gesicht widerspiegeln, ist reinste Schauspielkunst und starker Frauenauftritt.