„Wenn man von Opfern aus der Nazi-Zeit spricht, hat man oft den Eindruck, dass es sich dabei nicht um normale Menschen wie du und ich handelt: Menschen, die Liebesgeschichten erlebt und Leidenschaft erfahren haben.“ (Claude Miller)
In seiner Verfilmung des Bestsellers von Philippe Grimbert erzählt Claude Miller außerordentlich klug und berührend davon, wie eine alltägliche Liebesgeschichte im besetzten Frankreich zum dunklen, schuldbeladenen Geheimnis einer Familie wird.
Originaltitel: Un Secret;
F 2007 - 100 Min.; ab 12
Regie: Claude Miller;
Darsteller: Cécile de France, Patrick Bruel, Ludivine Sagnier, Julie Depardieu, Mathieu Amalric, Nathalie Boutefeu, Yves Verhoeven, Sam Garbarski, Valentin Vigourt.

Movie Database

„Ein Geheimnis“ ist ein kompliziertes Gebilde. Schicht um Schicht legt Claude Miller Rückblenden über Rückblenden und Erzählebene über Erzählebene um das Geheimnis einer Familie, ein Trauma aus der Besatzungszeit. Die Erzählung beginnt in den 50er Jahren. Der siebenjährige François Grimbert leidet darunter, den hohen Anforderungen seiner Eltern nicht gerecht werden zu können. Die Mutter Tania ist begeisterte Schwimmerin, Turmspringerin und Ex-Model, der Vater Maxim Ringer und Athlet. Nur François ist mager und ungeschickt und versagt an den Ringen ebenso, wie am Schwimmbecken. Am liebsten flüchtet er zu Louise, der alleinlebenden jüdischen Bekannten seiner Eltern, die nebenan einen Massagesalon hat.

Der Film scheint zunächst François’ Perspektive einzunehmen, aus der die Welt der Erwachsenen dunkel und undurchschaubar aussieht. Hier spricht niemand je darüber, wie sich die Eltern in den Kriegstagen kennen gelernt haben, oder warum der Vater so allergisch reagiert als François einen imaginären Bruder erfindet. Es dauert eine ganze Weile, bis sich herausstellt, dass es gar nicht der kleine François ist, der erzählt, sondern der mittlerweile erwachsene François, der sich an seine Jugend erinnert. Daran, wie fremd er sich als Kind in seiner Familie gefühlt hat. Und daran, wie Louise ihm wenige Jahre später, nachdem er in der Schule einen Jungen wegen antisemitischer Sprüche verprügelt hat, endlich das Geheimnis offenbart, das sein Familienleben überschattet..

Jetzt erst, im zweiten Drittel, in der Erinnerung von François an die Erzählung von Louise, findet „Ein Geheimnis“ zu seinem eigentlichen Anliegen. Unterbrochen von Szenen aus den 50er, 60er und 80er Jahren erzählt der Film in leuchtenden Bildern die Geschichte von Maxims erster Ehe inmitten einer jüdischen Großfamilie, von François’ Bruder Simon, von dessen Existenz er nichts wusste, und davon, wie Maxim und Tania damals im Exil zusammengefunden haben. Die Liebesgeschichte seiner Eltern ist weniger romantisch und makellos, als sich das der kleine François immer vorgestellt hatte, aber sie ist auch nicht außergewöhnlich – wäre sie nicht im besetzten Frankreich passiert, auf dem Höhepunkt der Judenverfolgung. So aber ist das Eheglück seiner Eltern und letztlich auch seine eigene Existenz unauflöslich verknüpft mit dem Trauma von Flucht und Deportation.

Ähnlich wie die Romanvorlage, die Ereignisse der Gegenwart in der Vergangenheitsform und die Vergangenheit in der Gegenwartsform schildert, wird „Ein Geheimnis“ umso farbenfroher, umso tiefer der Film in die Vergangenheit eindringt. Die Gegenwart dagegen hat Miller in Schwarz-Weiß gefilmt. Die komplizierte Konstruktion und die Umwege, die der Film nimmt, bevor er bei einer kleinen, alles entscheidenden Begebenheit in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts ankommt, erscheinen dabei nur auf den ersten Blick mühsam und umständlich. Sie erzählen davon, wie die ‚unschuldigen’ Gesten, Blicke und Geschichten von damals heute nur noch gebrochen durch das Wissen, die psychischen Verwerfungen und die Geheimnisse der Überlebenden und der Nachgeboren gesehen werden können. Ein kluger Film, der einem bei aller Distanziertheit das Herz bricht.