Ein Teenager und sein Vater werden
von einer resoluten, eiskalten Geheimdienstagentin und ihren Schergen
durch halb Europa gejagt. Aus dem vertrauten Grundriss bekannter
Agententhriller erschafft der britische Filmemacher Joe Wright („Abbitte“)
ein rasantes, verspieltes und hochemotionales Stück Kino, das sich
nur schwer in die Vorgaben eines bestimmten Genres einordnen lässt.
„Wer ist Hanna?“ verknüpft Elemente des Actionfilms mit Coming-of-Age-Anteilen
und den Zutaten eines dunklen Märchens. Ein Erfolg auf ganzer Linie.
Originaltitel:
Hanna;
USA / Großbritannien / Deutschland 2011
- 111 Min.; ab 12;
Regie: Joe Wright;
Darsteller: Saoirse Ronan, Eric Bana, Tom Hollander, Olivia Williams,
Jason Flemyng, Jessica Barden, Cate Blanchett, Michelle Dockery, Jamie
Beamish.
Kreativ und anspruchsvoll inszenierter
Rachethriller von Joe Wright, in dem seine "Abbitte"-Heldin
Saoirse Ronan als faszinierend intensive Teenmädchen-Variante von
Jason Bourne grimmig gegen Agenten und Auftragskiller ins Gefecht
zieht. "Abbitte"-Entdeckung Ronan ("In meinem Himmel")
erinnert in ihrer Rolle als perfekt kalibrierte Killermaschine auch
an Natalie Portman in "Leon - Der Profi" - nur ist sie
noch besser. In der Einöde Finnlands von ihrem Vater Erik ("Hulk" Eric
Bana) in diversen Jagd-, Nahkampf- und Überlebenstechniken sowie
Schusswaffengebrauch trainiert, ist die 16jährige ihm inzwischen
ebenbürtig. Er hat sie für einen Zweck ausgebildet: Sie soll die
CIA-Agentin Marissa Wiegler (Cate Blanchett als eisige Spionagekönigin)
ausschalten, die für den Tod von Hannas Mutter verantwortlich ist.
Ein bewusst ausgelöstes Signal führt zu Hannas Internierung in einem
unterirdischen Bunker in Marokko. Dort bricht sie Wieglers Doppelgängerin
das Genick und eliminiert im Stil von Alice aus "Resident Evil"'
reihenweise anonymes Sicherheitspersonal. Anschließend flüchtet sie
in die Wüste und freundet sich mit einem britischen Touristenmädchen
an. Intime Großaufnahmen beim Zeltgeflüster der beiden Backfische
deuten erste Gefühle in Hanna an, die bislang ohne Menschenkontakt
(außer Papa) oder Musik aufgewachsen ist. Dabei spielt Musik in Form
vom superben Sounddesign der Chemical Brothers eine entscheidende
Rolle im Film. Die hervorragend choreographierte Action wird von
den treibenden Electronica-Rhythmen optimal vorangetrieben. Hannas
Odyssee führt sie quer durch Europa nach Berlin, dem verabredeten
Treffpunkt mit ihrem Vater. Alldieweil wird sie von Wieglers Schergen,
bestehend aus einem Hamburger Zuhältertypen und zwei Skinheads verfolgt.
Im Brüder Grimm Märchenpark kommt es zum symbolträchtigen finalen
Showdown mit Wiegler, die mehr zu verbergen hat, als es zunächst
scheint. Die großartigen schauspielerischen Leistungen (insbesondere
von Ronan) und die rundum stilsichere Regiearbeit von Wright kaschieren,
dass es der Story der beiden weitgehend unerfahrenen Drehbuchautoren
an Substanz fehlt. Regisseur Wright engagiert Augen und Kopf mit
einer phänomenalen Bildersprache, die lange Kamerafahrten, handgehaltene
Kamera, 360-Grad-Umkreisungen und unkonventionelle Perspektiven integriert,
und hält das Tempo, egal ob es sich um aufreibende Action oder mehr
besinnliche Momente handelt. Langweile kommt so keine Sekunde auf
- im Gegenteil: Dieser ungewöhnliche, an internationalen Schauplätzen
gedrehte Thriller um eine unkonventionelle Heldin ist regelrecht
elektrisierend.