Es steht in den Sternen, ob einem
Film der große Erfolg beim Kinopublikum vergönnt ist. Aber man sollte
nicht etwa abwarten und in den Mond gucken, sondern vielmehr die
erste Gelegenheit nutzen, um den famosen Film HOTEL LUX zu sehen.
Hans Zeisig ist Komödiant. Sein
großer Traum ist Hollywood. Doch im Jahr 1938, bedroht von den NS-Schergen,
bleibt Zeisig bald nur noch die Flucht nach Russland mit gefälschtem
Ausweis. Im von Kommunisten besiedelten Hotel Lux fühlt er sich nicht
lange sicher, denn augenscheinlich waren die gefälschten Papiere
für jemand anders bestimmt. Und Zeisig muss nun zeigen, wie wandelbar
sein Talent als Parodie-Künstler wirklich ist. Die groteske Tragikomödie
von Leander Haussmann nutzt historisch verbürgte Wahrheiten und Personen
und versetzt sie kreativ mit fiktionalen Elementen. Dabei überzeugen
auch die detailgenaue und historisch stimmige Ausstattung. Der Film
betrachtet mit satirischem Augenzwinkern seine Figuren, ohne sie
zu denunzieren. Das Timing stimmt, die Pointen sitzen, die Musik
passt genau und die Besetzung ist bis auf die kleinste Nebenrolle
absolut gelungen. Vor allem Michael „Bully“ Herbig meistert bravourös
die schauspielerische Gratwanderung zwischen schelmenhaftem Clown
und tragischem Held in der Klemme. Ein aberwitziger und origineller
Ausflug in die Geschichte. |
D 2011
- 105 Min.; ab 12;
Regie: Leander Haußmann ;
Darsteller: Michael "Bully" Herbig, Jürgen Vogel, Thekla
Reuten, Alexander Senderovich, Valerie Grishko, Juray Kukura, Friedrich-Karl
Praetorius.
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Es steht in den Sternen, ob einem Film
der große Erfolg beim Kinopublikum vergönnt ist. Aber man sollte
nicht etwa abwarten und in den Mond gucken, sondern vielmehr die
erste Gelegenheit nutzen, um den famosen Film HOTEL LUX zu sehen.
An diesem berüchtigten Ort waren deutsche Kommunisten im Moskauer
Exil unterbracht bzw. interniert. Viele von ihnen wurden denunziert
und liquidiert. Es ist ein Ort, der Angst, Versagen, Verrat, enttäuschte
Hoffnungen und Tragik symbolisiert. Kann so eine filmische Idee überhaupt
gut gehen? Eine Komödie (- oder besser gesagt: ein „Schelmenstück“)
über stalinistischen Terror und die Schrecken der „Großen Säuberung“?
Kann dabei dann auch noch ein Schauspieler wie Michael Bully Herbig
in einer Hauptrolle überzeugend agieren? Er selbst hatte Zweifel
und wollte absagen. Es ist wohl hauptsächlich dem Produzenten Günter
Rohrbach zu verdanken, dass Herbig seine Entscheidung revidierte
und das Wagnis einging. Da die Leistung der Produzenten oft unberücksichtigt
bleibt bzw. unterschlagen wird, soll sie an dieser Stelle ausdrücklich
hervorgehoben werden. Günter Rohrbach und Corinna Eich haben ein
großartiges Team zusammengestellt und offenbar eine ausgezeichnete
Arbeit vor und während der Produktion geleistet. Hier sollen nur
wenige Beispiele genannt werden, an denen die Qualitäten des Films
ablesbar sind. Da wäre zunächst die Ausstattung. Tischler Pieck hat
vermutlich nie solche stilechten Möbelstücke gefertigt – ob Varieté-Künstlergarderobe
oder das Hotelmobiliar - alles wirkt sehr authentisch. Szenenbildner
Uli Hanisch schuf auch die Grundlage für eine sehr originelle Spielidee
in Stalins Bad und WC. Beim Casting (Simone Bär) wurden die passenden
Typen gefunden und Mimen von Rang gewonnen. Die Kamera von Hagen
Bogdanski führt den Blick des Zuschauers präzise zu aussagekräftigen
Bildmotiven. Auch Ton, Licht und andere Stab-Bereiche müssten hier
gewürdigt werden, denn das alles trägt neben der Regie zum Gelingen
der Schauspielkunst bei. Die Darsteller agieren tatsächlich großartig
– sie versetzen die Spiegelneuronen in volle Erregung, holen den
Zuschauer quasi mitten hinein ins Geschehen. Rasant wird das Abenteuer
erzählt, das (die so besungenen „guten Freunde“) Hans Zeisig (Michael
Bully Herbig) und Siggi Meyer (Jürgen Vogel) gemeinsam mit ihrer
Genossin Frida van Oorten (Thekla Reuten) durchleben. Mal kommt Spannung
auf, mal wird das Zwerchfell strapaziert, mal kommt die Biochemie
der Verliebtheit ins Spiel – ein Wechselbad der Gefühle eben. Man
spürt, wie sogar bei Zeisig das sogenannte „Bindungsmodul“ aktiviert
wird und der einstige Playboy sich unsterblich in Frida verliebt.
Solche Affekte werden dann z. B. geschickt mit dem Gesang der Internationale
gekontert, sodass der Humor die romantische Liebe sublimiert bzw.
durch den Anreiz zu herzhaftem Lachen auflockert. Missverständnisse
und Überraschungen, Situationskomik und Wortwitz treiben das Geschehen
voran. Wie im Flug vergeht die Zeit und am Ende möchte man den Film
ein zweites Mal sehen, um die dichte (mehrschichtige) Semantik (mit
vielen Details und Anspielungen) weiter zu erschließen. Haußmann
löst die Varieté-Drohung ein. Er hat offenbar wirklich Mittel, „jeden
zum Lachen zu bringen“. Aber doch bleibt der historische Ernst, den
man nicht einfach weglachen kann. Handelt es sich um eine „historisch
korrekt erfundene Geschichte“? Strenge Historiker werden vielleicht
entgegnen, dass sie nur historisch kokett erfunden ist. Filmkunst
kann, muss aber nicht politisch oder historisch korrekt sein. Sie
vermag freilich ein veritables Interesse für Politik und Geschichte
zu wecken, wenn ihre Ästhetik das Publikum verblüfft, provoziert,
unterhält … und begeistert. Das dürfte dem Film bei vielen Zuschauern
gelingen. Leander Haußmann führte nicht nur Regie, sondern brachte
auch das Drehbuch in die richtige Fasson. Daher gebührt ihm wohl
das höchste Lob. Man findet übrigens kaum geeignete Vergleiche, um
diesen faszinierenden Film einzustufen. Vielleicht könnte man auf
Chaplins DER GROSSE DIKTATOR eingehen oder an DER BRAVE SOLDAT SCHWEJK
erinnern. Doch mit HOTEL LUX ist schon etwas ganz besonderes gelungen.
Die FBW-Jury brauchte nicht lange, um sich auf das Prädikat „besonders
wertvoll“ zu einigen, welches der Höchstzahl an Sternen entspricht.
Wer diesen Film gesehen hat, wird wahrscheinlich lange seine Freude
daran haben, denn kleine Einfälle (wie Ulbrichts Mauer aus Zuckerwürfeln)
oder überzeugende Gesten humaner Haltung bleiben bestimmt in Erinnerung.
FBW Gutachten: Prädikat besonders wertvoll
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