Im beschaulichen Bamberg misslingt
dem Junkie-Pärchen Eva und Jo ein Raubüberfall, bei dem der Ladenbesitzer
ums Leben und Jo in den Knast kommt. Schwanger, auf Entzug und zu
allem entschlossen, um mit ihrer großen Liebe doch noch nach Neuseeland
zu flüchten, entwickelt sich Eva zur tickenden Zeitbombe und Bedrohung
für das geregelte Leben ihres Vaters, ihres Ex-Freundes und für die
Geiseln, die sie gefangen hält. Regisseur und Autor Hans W. Geißendörfer
wagt eine mutige Melange aus Tragödie, Liebesfilm und Drogengeschichte,
die den Zuschauer zu fesseln vermag, ihm aber mit überraschenden
Wendungen und existentiellen Thematiken auch viel abverlangt. Dabei
gelingt es ihm die Atmosphäre aus dichter Religiösität und stoischem
Weltbild mit der beklemmenden Verlorenheit und den obsessiven Sehnsüchten
der jungen Drogenabhängigen so heftig kollidieren zu lassen, dass
mehrmals die Funken sprühen. Mal authentisch, mal romantisch, dann
wieder knallhart und bis an die Schmerzgrenzen konsequent - eine
ungewöhnliche Herausforderung.
Deutschland
2010
- 110 Min.; ab 12;
Regie: Hans W. Geißendörfer;
Darsteller: Anna Maria Mühe, Max von Thun, Axel Prahl, Johannes Allmayer,
Kirsten Block, Hanns Zischler, Roland Eugen.
Der Regisseur hat sich einer enormen Herausforderung
gestellt. Durch die Vorgaben des Plots, durch eine komplizierte Gemengelage
der Konflikte, durch die Absicht zu zeigen, was Liebe im „stählernen
Gehäuse“ der gesellschaftlichen Strukturen bewirken kann, stellt
sich quasi eine unlösbare Aufgabe. Dabei gibt es gewisse Entsprechungen
zu der Lage, in der sich die Protagonistin des Films, die schwangere
Studentin Eva, befindet. In auswegloser Situation kämpft sie für
ihre Träume. Trotz der noch nicht ausgestandenen Entzugsphase, trotz
des missglückten Überfalls und der Schuld, die auf ihr lastet, versucht
Eva, ihren Freund Tom aus der Haft zu befreien, den Verfolgern zu
entkommen und in Neuseeland ein neues Leben zu beginnen. Zugleich
bemüht sie sich um eine Verständigung mit ihrem Vater und dem Ex-Freund,
für den die durch sie unerwiderte Liebe „die Hölle“ ist. Außerdem
entwickelt sich die Beziehung zu einem Ersatz-Vater, zu dem Altphilologen
Paul. Anna Maria Mühe und Axel Prahl spielen diese Rollen herausragend.
Max von Thun überzeugt als Tom. Mit Musik-Telepathie wird zudem eine
transzendente Dimension eröffnet. Stimmungsvolle Bilder beeindrucken
die Zuschauer. Es gibt viele Stärken in diesem Film. Doch kann das
sehr komplizierte Beziehungs- und Problemgeflecht mit den filmischen
Mitteln nicht formvollendet bewältigt werden. In der Diskussion wurde
die Auffassung vertreten, dass die Dramaturgie an einzelnen Stellen
„holpert“. So die Auffassung einer qualifizierten Minderheit der
FBW-Jury. Es gab jedoch andererseits auch viel Lob. Die Figuren wurden
als interessant und sympathisch empfunden. Es handelt sich um einen
interessanten, mutigen und wertvollen Film, der am Ende spannend
bleibt und auch nachwirken kann.