Filme, die auf einer wahren Geschichte basieren und
den Kampf eines Einzelnen gegen eine scheinbar übermächtige Institution
schildern, setzen gemeinhin auf die dramatische Zuspitzung ihrer
David-gegen-Goliath-Konstellation. Ganz anders verhält es sich da
mit Steven Soderberghs „Der Informant!“. Einen der größten Wirtschafskrimis
der letzten Jahrzehnte wählte er als Hintergrund für eine zunehmend
absurde Komödie, bei der man desöfteren nicht genau weiß, ob man
laut lachen oder angesichts von soviel Irrsinn nur noch den Kopf
schütteln soll. Offenbar war dem Oscar-Preisträger nach seinem viereinhalb
Stunden Biopicture „Che“ an einem radikalen Genre- wie Stimmungswechsel
gelegen.
Soderberghs Informant heißt Marc Whitacre (Matt Damon). Der junge
Mann hat beim Agrarkonzern Archer Daniels Midland eigentlich eine
viel versprechende Karriere vor sich. Doch die rückt plötzlich in
weite Ferne, als er sich dem FBI anvertraut und den beiden, für ihn
zuständigen Agents (Scott Bakula, Joel McHale) über illegale, im
großen Stil laufende Preisabsprachen berichtet. Whitacre wird daraufhin
vom FBI als Informant verpflichtet, verkabelt und mit einem in seinem
Aktenkoffer versteckten Rekorder ausgestattet. Er soll die Gespräche
zwischen der Führungsspitze von ADM und der ausländischen Konkurrenz
aufzeichnen. Was das FBI anfangs jedoch nicht ahnt: Dieser Marc Whitacre
ist nicht der, der er zu sein vorgibt. Nicht nur leidet er an einer
bipolaren Persönlichkeitsstörung, aus einem unerfindlichen Grund
ist er sogar felsenfest davon überzeugt, für seine Zusammenarbeit
am Ende mit einer Beförderung belohnt zu werden.
So ungewöhnlich Soderberghs komödiantischer Ansatz anfangs auch
erscheint, mit jeder neuen, abstrusen Wendung, die der Fall nimmt
und die allesamt Whitacre zuzuschreiben sind, zeigt sich, dass man
diese Geschichte vermutlich nur auf diese Weise erzählen konnte.
In gewisser Weise funktioniert der Film daher auch als ironischer
Kommentar auf konventionelle White-Collar-Thriller wie Michael Manns
themenverwandten „Insider“. Whitacres fast schon pathologische Selbstüberschätzung,
seine Unbeirrbarkeit und intellektuelle Sprunghaftigkeit, all das
kommt in den eingestreuten Off-Kommentaren zum Ausdruck. In den entscheidenden
Augenblicken, immer dann, wenn vermutlich gerade etwas wirklich Wichtiges
besprochen wird, schweifen Whitacres Gedanken ab, um über so Banales
wie Belangloses zu sinnieren („Brioni-Krawatten werden nie heruntergesetzt.
Ich sollte mir alle Krawatten in Paris kaufen und sie in eine Dutyfree-Tasche
stopfen.“).
Gerade aus dieser ironischen Distanz zum Geschehen entwickelt „Der
Informant!“ einen über weite Strecken beachtlichen Unterhaltungswert.
Beachtlich deshalb, weil die Themen, die Soderberghs Wirtschafts-Farce
verhandelt, auf den ersten Blick wenig „sexy“ erscheinen. Da ist
die Rede von Marktversagen, Preisabsprachen, Unterschlagung und Industriespionage.
In diesem Fall färbt jedoch die bunte, verspielte Verpackung auf
den spröden Inhalt ab. Soderbergh verwendet neben pinken Jahreszahlen
einen durchgängig etwas muffigen Retro-Look, der ebenso wie Marvin
Hamlischs kitschiger Score wohl nicht ganz zufällig auf die 1970er
Jahre verweist (und das obwohl die Handlung des Films in den 90er
Jahren spielt). Im Verlauf dieser Dekade brachte Hollywood bis heute
prägende Polit-Thriller wie Alan J. Pakulas Watergate-Abrechnung
„Die Unbestechlichen“ hervor.
Die größte Trumpfkarte des Films ist aber Matt Damon. Der Hollywood-Star
war vermutlich noch nie so gut. Mit einigen zusätzlichen Kilos, abschreckender
Föhnfrisur, Schnurrbart und Buchhalter-Brille verwandelt sich der
ansonsten für seine Physis bekannte Damon in einen pummeligen Möchtegern-Agenten.
Schon bald vergisst man, dass wir es hier mit demselben Schauspieler
zu tun haben, der sich einst als durchtrainierter Geheimagent Jason
Bourne um die Nachfolge eines gewissen James Bond bewarb. Umso grotesker
erscheint es, wenn der Schreibtischtäter Marc Whitacre plötzlich
als „0014“ auftritt. Seine Begründung, er sei schließlich auch „doppelt
so schlau wie 007“, ist mindestens so verrückt wie der gesamte Film.
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