Europa, während des 2. Weltkriegs.
Nachdem die französische Jüdin Shosanna Dreyfus ansehen musste, wie
eine Gruppe von Nazis ihre Familie ermordete, kennt sie nur noch
ein Ziel: Rache zu nehmen. Als Kinobetreiberin getarnt wartet sie
auf eine Gelegenheit, um den verantwortlichen Nazi-General Hans Landa
zur Strecke zu bringen. Zur gleichen Zeit stellen die alliierten
Truppen eine Spezialeinheit zusammen, die aus jüdischen Soldaten
besteht. Die Mission dieser Männer ist simpel: Sie sollen hinter
die im besetzten Frankreich hinter die feindlichen Linien vordringen
und so viele Nazis wie möglich töten. Ohne Zweifel gehört Quentin Tarantino
auch knapp 15 Jahre nach seinem furiosen Welterfolg mit "Pulp
Fiction" zu den aufregendsten Kreativen des modernen Kinos.
Mit seinem neuen Film INGLOURIOUS BASTERDS, der zu großen Teilen
in Deutschland gedreht wird, schreibt er das erste Mal "historische" Geschichte
und bringt ein leidenschaftliches Rache-Abenteuer auf die Leinwand.
Tarantino wagt sich an ein schwieriges Thema, das er mit großen Stars
genial inszeniert.
USA/D
2009 - 148 Min.; ab 16;
Regie: Quentin Tarantino;
Darsteller:
Brad Pitt, Diane Kruger, Eli Roth, Mélanie Laurent, Christoph Waltz,
Daniel Brühl, Samm Levine, B.J. Novak, Til Schweiger, Mike
Myers, Cloris Leachman, Christian Berkel, August Diehl.
Seelen sind in Cannes derzeit billig zu haben. Vor
dem Ausgang des Festivalpalais stehen Fans von Sam Raimis schockintensivem
neuen Horrorfilm Schlange. Mit kleinen, selbstgebastelten Kärtchen
versuchen sie Resttickets zu ergattern: „,Drag Me to Hell s.v.p.'
- auf deutsch: ,Reiß mich in die Hölle hinab'“, steht darauf zu lesen.
So heißt auch der Film, in dem eine Bankangestellte der Fluch einer
Zigeunerin ereilt, als sie ihr keinen Kredit mehr gewährt.
Raimi bietet jene Art offensiver Gänsehauterfahrung an, die sicher
auch Quentin Tarantino gefällt, dessen Seele längst dem Kino gehört.
In den exotischeren Ausläufern der Filmgeschichte entdeckt der Exvideothekar
grelle Übersteigerungsformen, deren Kräfte er neu freizulegen versucht.
Mit Inglourious Basterds widmet er sich nun dem europäischen Kriegsfilm
in seiner Exploitation-Variante.
Enzo G. Castellaris (fast) gleichnamiger Film Inglorious Bastards von
1978 diente allerdings nur als sehr vage Inspiration: Bei Tarantino
werden aus einem kriminellen Spezialtrupp, der abseits aller militärischen
Ordnungen agiert, jüdische US-Söldner, die Nazis wie Trophäen jagen.
Gnadenlos ziehen sie ihren Opfern den Skalp ab, manchmal zertrümmert
ihnen auch der „Bear Jew“ den Schädel.
Doch weniger, als man vermuten würde, steht hier das kriegerische Treiben
im Mittelpunkt: Inglourious Basterds ist vor allem die Fantasie einer
Geschichtskorrektur, die ständig aufs Kino zurückverweist. In fünf
getrennten Kapiteln entwirft der Film einen losen Plot um ein Pariser
Lichtspielhaus, in dem ein NS-Propagandafilm seine Premiere feiern
wird: Hitler und Goebbels werden höchstpersönlich anwesend sein und
sollen bei einem Attentat beseitigt werden.
Tarantino verstand sich schon immer auf Szenen, deren Druck zögerlich
steigt, sich wieder verliert, bis er irgendwann zu einer mächtigen
Explosion führt. Auch hier wird der Plot gerne kunstvoll verlangsamt,
und Nebensächlichkeiten wie ein verräterischer britischer Akzent oder
die enervierende Pedanterie eines Gestapo-Obersts dominieren die Situationen.
Das populäre Format mit seinen Trash-Qualitäten trägt der Film aber
nur wenig nach außen, vielmehr lässt er es mit ebenso klugen wie komischen
Einfällen zum Vehikel neuer Inhalte werden: Das Kino rächt sich hier
selbst an jenen, die es für propagandistische Zwecke missbraucht haben.
Tarantino bleibt in Inglourious Basterds nicht im Zitat stecken, sondern
zeigt sich als Autor mit einem souveränen Stilbewusstsein. Allein wie
er mit dem mehrheitlich deutschsprachigen Cast (darunter der Österreicher
Christoph Waltz in der Nazi-Rolle seines Lebens) und internationalen
Stars wie Brad Pitt seine Sprachspiele treibt, macht großen Spaß.