Was Jackson für diesen Stoff, der eine
Mischung aus Krimi, Familiendrama und Meditation über das Leben nach
dem Tod ist, so prädestiniert, ist seine übersinnliche Perspektive.
Erzählt wird die Geschichte der 14-jährigen Susie Salmon, die Opfer
eines Sexualmords wird und ihre Geschichte aus dem Jenseits erzählt.
Hier in einer Zwischenwelt zwischen Himmel und Erde, die sie „ihren
Himmel“ nennt, wird ihr die Tragweite ihres Schicksals bewusst. Sie
erinnert sich an ihr irdisches Leben, an eine behütete Kindheit,
ein kleines Familienglück und der Sehnsucht nach einem neuen Glück,
ihrem ersten Kuss. Den jedenfalls hat ihre Großmutter ihr wirklich
schmackhaft gemacht mit der Behauptung, kein Kuss sei schöner als
der erste. Und genau an dem Tag, als Susie den Termin für ihr erstes
Date in der Tasche hat, geschieht ihr dieses unvorhersehbare Schicksal.
Da ist sie nun in ‚ihrem Himmel‘ und weigert sich, den anderen Toten
zu folgen, klammert sich an ihre Erinnerungen, trauert um all das,
was sie jetzt nicht mehr erleben wird und vergeht in Emotionen zwischen
Wut und Liebe. Wütend ist sie auf ihren Mörder, der ihr das angetan
hat und ohne Strafe davon zu kommen scheint. Sie schmiedet Rachepläne
und kann es nicht lassen, ihre Familie aus dem Jenseits zu manipulieren.
So meint ihr kleiner Bruder, sie gesehen zu haben, ihr Vater glaubt,
ihre Anwesenheit spüren zu können und ihre Schwester folgt unbewusst
der Spur ihres Mörders. Ihre Liebe gilt dagegen ihrer Familie, die
sie durch ihre mystische Präsenz ins Unglück zu stürzen droht, denn
ihr Vater steigert sich aus Unzufriedenheit mit den polizeilichen
Ermittlungsergebnissen in eine Mördersuche, die zu einer selbstzerstörerischen
Obsession wird. Ihre Mutter dagegen kann die Tatsache, dass die Familie
nicht mit ihrem Verlust umzugehen lernt, nicht länger ertragen und
flüchtet schließlich vor ihrer Verantwortung als Ehefrau und Mutter.
Bleibt da noch ihre blitzgescheite jüngere Schwester Lynn, die all
das erleben darf, was Susie vorenthalten blieb und letzlich zum Schlüssel
für ihren Seelenfrieden wird. Denn als es Susie auf magische Weise
gelingt, doch noch an ihren ersten Kuss zu kommen, schafft sie es
loszulassen und wird quasi erwachsen, obwohl sie dafür nie alt genug
wurde.
Während die irdischen Sequenzen von ihren hervorragenden Schauspielern
getragen werden, kann Peter Jackson in der himmlischen Welt so recht
aus der Trickkiste seines Fantasy-Faibles schöpfen. Er legt diese
Zwischenwelt als eine Traumwelt von Susie an, die er mit visuellen
Metaphern und magischen Symbolen anfüllt. Dabei verändert sich diese
Welt von traurig und finster bis zu verheißungsvoll und idyllisch,
je nach dem, ob Susie gerade glücklich oder traurig ist. So reflektiert
Jackson ihre Emotionen nonverbal und gibt dem Film, der Krimi, Gruselgeschichte
und Familiendrama kunstvoll vereint, eine spirituelle, phantastische
Note, die dem Zuschauer ein versöhnliches, ja sogar hoffnungsvolles
Ende beschert. Damit setzt er gleich zu Beginn des neuen Jahres einen
qualitativen Glanzpunkt, an dem die Oscars wohl kaum vorbeikommen. |