GB 2011 - 120 Min.; ab 12;
Regie: Cary Fukunaga;
Darsteller: Mia Wasikowska, Michael Fassbender, Judy Dench, Sally Hawkins, Jamie Bell, Imogen Poots, Amelia Clarkson, Holliday Grainger, Tamzin Merchant.
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England Mitte des 19. Jahrhundert: Auf dem entlegenen, düsteren Landsitz Thornfield Hall fühlt sich die 18jährige Gouvernante Jane Eyre (Mia Wasikowska) zum ersten Mal in ihrem Leben anerkannt. Nach ihrer tragischen Kindheit und Jugend ist die junge, gebildete Frau dankbar über ihre Stelle als Erzieherin der kleinen Adele. Auch die gutmütige Haushälterin Mrs. Fairfax (Judy Dench) nimmt sie wohlwollend auf. Und selbst der Herr des Hauses, der unberechenbare Edward Rochester (Michael Fassbender), findet bald Gefallen an Jane. Er schätzt ihre geradlinige Offenheit. Ungeniert genießt er es, eine junge, kluge Frau um sich zu haben, die es wagt, ihm ihre Meinung zu sagen. Eine unstandesgemäße Liebe entspinnt sich zwischen beiden. Doch dunkle Geheimnisse aus der Vergangenheit überschatten ihr Glück.
Die Faszination für die englische Novelle „Jane Eyre“ aus dem Jahre 1847 scheint ungebrochen. Bis zum heutigen Tage wurde der romantische Entwicklungsroman vielfach verfilmt. Zuletzt von dem italienischen Opernregisseur Franco Zeffirelli mit Charlotte Gainsbourg in der Hauptrolle. Kein Wunder, denn die Titelheldin bietet Frauen eine starke Identifikationsfigur. Die unkonventionelle Protagonistin besteht ihre Feuerproben nicht, weil sie gut aussieht oder vermögend ist. Ihr Rüstzeug fürs Leben ist vielmehr ihr Mut, Entscheidungen zu treffen und dabei ins Ungewisse zu gehen, ihr Durchhaltevermögen, ihr Witz und ihre Beherztheit. Außerdem ist der Stoff eine fesselnde Story über zwei starke Hauptfiguren und deren spannungsgeladene Beziehung.
Die meisten der früheren Verfilmungen ähnelten freilich melodramatischen Epen, die kaum, die feministischen Bezüge des zu seiner Zeit als revolutionär verstandenen Skandal-Bestsellers streiften. Die Version der Regieentdeckung Cary Fukunaga dagegen rückt diesen Aspekt in den Vordergrund. Seine Adaption zeigt, was den Reiz des viktorianischen Liebes- und Schicksalsdramas über unterdrückte Leidenschaft auch heute noch ausmacht. Dabei belässt der 34jährige Amerikaner seine Titelheldin zwar in ihrem historischen Umfeld. Trotzdem inszeniert das Ausnahmetalent sein kunstvoll durchkomponiertes Filmgemälde keineswegs als verstaubtes Kostümdrama sondern als zeitloses Stück über das Streben nach persönlicher Freiheit und Selbstbestimmung.
Bewusst nutzt Fukunaga auch die unterschwellig bedrohlich gespenstische Atmosphäre des Romans. Die erlesenen Bilder mit dem fahlen Licht der kargen nordenglischen Landschaft um Derbyshire seines brasilianischen Kameramanns Adriano Goldman verfehlen dabei nicht ihre Wirkung. Streckenweise gelingen ihm Einstellungen, die an Landschaftsgemälde des britischen Malerstars der Romantik John Constable oder an die Porträts des Niederländer Johan Vermeer erinnern. Dunkle Szenen bei Kerzenlicht arbeiten immer wieder mit dem intensiven Spiel von Licht und Schatten. Nicht zuletzt dadurch entsteht der Eindruck von großer Natürlichkeit und Authentizität. In geschickten Rückblenden skizziert Fukunaga Janes tragische Kindheit und beobachtet ihren Aufstieg als Gouvernante in Thornfield Hall.
Ohne unnötige Dramatik entwickelt dabei die junge Australierin Mia Wasikowska eine minimalistische Anlage ihrer Rolle. Die 22jährige wird dem unterdrückten, aber vom Freiheitsdrang geprägten Wesen ihrer Figur mehr als gerecht. Mit beinahe unbewegter Miene gelingt es der ehemaligen Balletttänzerin intensivste Innigkeit und Leidenschaft auszudrücken. Aber auch ihr männlicher Gegenpart, der deutsch-irische Shooting-Star Michael Fassbender, besticht durch sein eindringliches Spiel. Beide brillieren in der Darstellung einer Beziehung, die Klassenunterschiede verhindern. Und selbst in der kleinen Rolle als Haushälterin zeigt die wandlungsfähige britische Charakterdarstellerin Judi Dench ihre enorme Leinwandpräsenz.
Luitgard Koch (programmkino.de) |