„Manchmal verwechseln mich die Leute mit Diane Fossey“,
schmunzelt die Granddame des Artenschutzes im schlichten Rollkragenpullover
gleich in der Eröffnungssequenz des Films. Ihre Fans loben sie dann
für den Hollywoodstreifen „Gorillas im Nebel“ in dem Sigourney Weaver
die Zoologin Fossey verkörpert, erzählt die inzwischen 76jährige
sichtlich amüsiert in die Kamera. Ihre Reaktion: „Haben Sie den Film
gesehen?“, fragt die weltbekannte Wissenschaftlerin daraufhin meist
ihr Gegenüber. „Und? Haben Sie bemerkt,“ so die engagierte Umweltschützerin,
„dass die Hauptdarstellerin stirbt?“ Allein dieser humorvolle Einstieg
macht die Ikone sympathisch.
Schließlich war Jane Goodall die erste
Forscherin, die Schimpansen im Urwald beobachtete. Die junge britische
Autodidaktin revolutionierte die Forschung über Primaten. Es war
im Jahr 1960, als die damals 23jährige in Begleitung ihrer Mutter
Vanne, am Ufer des Tanganjikasees im Nordwesten Tansanias aus dem
Boot steigt, um dort ihre Forschung zu beginnen. Von dem Tag an stößt
die junge Frau, mit dem blonden Pferdeschwanz, die in Kaki-Shorts
durch den Dschungel streift, eine sicher geglaubte Lehrmeinung nach
der anderen um.
Heute ist die mehrfache Großmutter immer noch schlank
und zierlich, hat den gleichen liebevoll gelassenen Gesichtsausdruck,
nur der Pferdeschwanz ist grau. Sie wurde mit Preisen überhäuft.
Laut Umfragen ist sie die bekannteste Wissenschaftlerin der Welt,
weitaus bekannter als ihr einstiger Mentor, der Paläontologe Louis
Leakey. Er war es, der sie auf eine abenteuerliche Expedition schickte,
die mehrere Jahrzehnte dauern sollte. Damals war sie seine Sekretärin.
Eine ihrer wichtigsten Entdeckungen: Affen benutzen nicht nur Werkzeuge,
um an Nahrung zu gelangen, sondern sie stellen sogar selbst welche
her- eine Fertigkeit, die man bis dahin nur dem Menschen zubilligte.
Das wissenschaftliche Vorgehen Goodalls war freilich ungewöhnlich.
Anders als andere Forscher bezeichnete sie die von ihr beobachteten
Affen nicht mit Nummern, sondern gab ihnen Namen. Das brachte ihr
Kritik der etablierten Wissenschaftler ein. Diese behaupteten, dass
dadurch die wissenschaftliche Distanz den Schimpansen abhanden käme.
So gab es in der von Goodall beobachteten Gruppe einen männlichen
Schimpansen mit grauem Kinn, der als erster Zutrauen zu Goodall fasste.
Ihm gab sie den Namen David Greybeard.
Goodalls Feldforschungen in
Tansania, ihre Annäherung an die Tiere und ihr Kommunizieren mit
dem Schimpansen David Greybeard gehören zu den schönsten Episoden
der Verhaltensforschung. Eingeblendete bisher unveröffentlichte Archivaufnahmen
zeigen Goddalls erste Kontakte mit den Menschenaffen von damals.
Heute lebt von den Schimpansen aus dieser Zeit, denen sie ihren Weltruhm
verdankt, keiner mehr. Doch das Gebiet um den Gombe-Bach, ihrem zweitem
Zuhause, wurde durch ihre Initiative zum Nationalpark erklärt. Geduldig
beobachtet die Kamera, wie sich die Britin, nun fünfzig Jahre später,
am Nordostufer des Lake Tanganyika immer noch einfühlsam einer großen
Gruppe Schimpansen nähert, Vertrauen aufbaut, ganz wie in alten Zeiten.
Doch nach zwanzig Jahren am Tanganjikasee zieht sich Goodall 1986
aus der Forschung zurück. Zu diesem Zeitpunkt war ihr Sohn bereits
erwachsen, sie hatte zwei Ehen hinter sich. Die erste mit dem niederländischen
Dokumentarfilmer Hugo van Lawick endete durch Scheidung. Die andere
zerstörte der frühe Krebstod ihres zweiten Mannes, Derek Bryceson,
Chef der tansanischen Nationalparkbehörde. Freimütig erzählt sie
vor der Kamera über ihre Beziehungen, die Eifersucht ihrer Ehemänner,
ihre tiefe Depression als ihr zweiter Mann, die Liebe ihres Lebens,
stirbt.
Denn Knauers intimes Portrait der unprätentiösen Umweltaktivistin
erschöpft sich nicht nur in wunderbaren Tieraufnahmen, um die wichtigste
Stationen in ihrem abenteuerlichen Leben nachzuerzählen. Durch ein
dichtes Netz von Rückblenden, dramaturgisch eingängig aufeinander
aufgebaut, nähert sich der Münchner Regisseur auch der privaten Person,
zeigt am Ende seines sehenswerten Films wie sich ihr gespanntes Verhältnis
zu ihrem heute 43jährigen Sohn positiv verändert hat.
Dass die Unermüdliche
beseelt von ihrem stetigem Engagement mit schier unerschöpflicher
Kraft für Natur und Umwelt Erstaunliches leistet, angefangen von
ihrem globalen Programm für Kinder und Jugendliche „Roots and Shoots“
bis hin zum erfolgreichen „Tacare“-Projekt, das Mikrokredite an afrikanische
Frauen vergibt, vermittelt Knauer mehr als anschaulich. Immer noch
ist die leidenschaftliche Hoffnungsträgerin über 300 Tage rund um
den Globus unterwegs, nun auch in ihrer Rolle als UN-Friedensbotschafterin.
Ihr Credo: Dass wir die Umwelt nicht ohne Frieden schützen können,
aber auch nicht friedlich leben können, ohne die Natur zu achten.
Diese ganzheitliche Sicht der Dinge liegt ihr besonders am Herzen. |