Deutschland
/ Schweiz 2010
- 140 Min.; ab 6;
Regie: Pepe Danquart;
Darsteller: (Mitwirkende) Joschka Fischer, Hans Koschnick, Katharina
Thalbach, Peter Grohmann, Norbert Erich "Knofo" Kröcher,
Johnny Klinke, Daniel Cohn-Bendit,
Marie-Reine
Haug.
Homepage
Movie Database
Facebook
|
„Mir war das Ganze eher peinlich“, meint
Joschka Fischer „dieser ganze Rummel“. Der einstige Grüne Abgeordnete
gibt sich rückblickend bescheiden. „Ich hätte lieber andere Schuhe
angezogen“, verrät der inzwischen 62 jährige Unternehmensberater,
„als diese Turnschuhe“. Damals als der einstige Frankfurter Sponti
und Taxifahrer zum hessischen Umweltminister aufstieg waren sie das
Markenzeichen des früheren Straßenkämpfers, Indiz von Nonkonformität.
Inzwischen werden sie im Deutschen Ledermuseum in Offenbach ausgestellt,
sind Geschichte, wie das bewegte Leben des ehemaligen Außenministers
der rot-grünen Koalition. Der Metzgerssohn aus dem Schwäbischen ist
angekommen. „Für mich ist das die außergewöhnlichste Biografie“,
weiß Regisseur Pepe Danquart, „die ich kenne.“ Über ein Jahr lang
führte er Videogespräche mit der gewieften, polarisierenden Persönlichkeit,
die zeitweise ihre Partei spaltete. Geschickt kompromierte der ehemalige
Mitbegründer des preisgekrönten Filmkollektivs Medienwerkstatt Freiburg
Archivmaterial von über 300 Stunden, projiziert Sequenzen aus Fischers
Leben und seiner Umgebung auf Glaswände und lässt ihn dazu erzählen.
Und so erscheint auf der Leinwand zeitweise der doppelte Fischer:
auf der Glasfläche jung und draufgängerisch, davor der staatstragende
Politiker, gealtert und behäbig im dunklen Anzug, der seinen verschlungenen
Lebensweg nonchalant kommentiert. Gedreht wurden diese bahnbrechenden
Videoinstallationen in einem riesigen ehemaligen Heizkraftwerk in
Berlin, dem legendären Techno-Club „Tresor“. Dramaturgisch weitgehend
eingängig aufeinander aufgebaut fesselt die exzellente Montage des
Bild- und Tonmaterials. Genial verschränken stimmige Schnittfolgen
die spannende Collage. Cutter Toni Froschammer leistete hier Großartiges.
Nicht zuletzt das Sounddesign vermittelt wunderbar den jeweiligen
Zeitgeist. Freilich erreicht der visuelle Ritt durch die Geschichte,
trotz aller Finesse, nicht das Niveau des legendären Dokumentarfilms
„When we were kings“ über Boxweltmeister Muhammed Ali, auch wenn
Regisseur Pepe Danquart sein Werk damit vergleicht. Interessant sind
auch die Exkurse mit Zeitzeugen angefangen von Wegbegleiter und Männerfreund
Daniel Cohn-Bendit, dem Urgestein der Nachkriegs-SPD Hans Koschnik,
dem ehemaligen ZEIT-Chefredakteur Roger de Weck bis hin zur profilierten
Schauspielerin Katharina Thalbach und der NDW-Band Fehlfarben. Sie
steuern immer wieder ihren Teil zur Geschichtsbeschreibung bei. Diese
eingespielten Szenen runden das dokumentarische Biopic zu einem gleichermaßen
kontroversen wie kurzweiligen zweistündigen Kaleidoskop ab, obwohl
Privates, wie wechselnde Ehefrauen, Anzuggrößen und profunde Kritikerinnen
wie Jutta Ditfurth außen vor bleiben. Eine lebendige Zeitreise durch
sechs Jahrzehnte samt subjektivem Geschichtsunterricht, der durch
Spannungen und Irritationen zum Nachdenken anregt. |