Mehr schlecht als recht schlägt
sich der gebürtige Wiener Ferdinand Marian im Jahr 1939 als Schauspieler
durchs Leben. Seine Chance kommt, als ihm die Hauptrolle in einer
Verfilmung von "Jud Süß" angeboten wird, auch wenn er aufgrund
der inhaltlichen Ausrichtung des Projekts zunächst zögert. Propagandaminister
Joseph Goebbels lässt keinen Zweifel daran, dass Marian den Part
spielen muss. "Jud Süß" ist wichtig für Goebbels' Pläne
und Marian in seinen Augen genau der Richtige. Marian glaubt, die
Situation unter Kontrolle zu haben: Seine Frau ist Jüdin. Doch das
Spiel mit dem Feuer bleibt nicht ohne Folgen. Veit Harlans "Jud
Süß" aus dem Jahr 1940 gilt als Inbegriff des antisemitischen
NS-Propagandafilms. Lose basierend auf dem Tatsachenroman "Ich
war Jud Süß" von Friedrich Knilli, erzählt Oskar Roehler die
Entstehungsgeschichte des Films, findet Zugang zu dem komplizierten
Stoff durch das individuelle Schicksal des Schauspielers Ferdinand
Marian (1902-1946), der den Joseph Süß Oppenheimer spielte. Tobias
Moretti läuft zu großer Form auf in der fordernden Hauptrolle. An
seiner Seite spielt Moritz Bleibtreu beeindruckend Propagandaminister
Goebbels. |
D
2010
- 114 Min.; ab 12;
Regie: Oskar Roehler;
Darsteller: Tobias Moretti, Martina Gedeck, Moritz Bleibtreu, Justus
von Dohnányi, Armin Rhode, Martin Feifel, Ralf Bauer, Robert Stadlober,
Paula Kalenberg, Milan Pescheli.
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Oskar Roehler erzählt von der Entstehung und Wirkung
des Nazi-Propagandafilms "Jud Süß" als Melodram, Satire
und schillernde Variation über Künstler als Marionetten.
Der nur
mit Erlaubnis der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung für öffentliche
Aufführungen zugelassene "Jud Süß" (1940) gehört zu den
Filmen, die den vom Nazi-Regime gewünschten Rassenhass nicht plump
propagierten, sondern die Mordhetze gegen das Judentum in die Geschichte
um den geldgierigen und sexuell ausschweifenden Finanzrat Joseph
Süß Oppenheimer in die Form des Melodrams kleideten, das vorhandene
antisemitische Ressentiments weckten. Veit Harlan ("Kolberg", "Immensee")
war der von Propagandaminister Joseph Goebbels gewählte und prädestinierte
Regisseur, der wirkungsmächtig mit dem Genre umzugehen wusste. "Jud
Süß" sahen 20 Millionen im Kino.
Oskar Roehler ("Elementarteilchen")
erzählt die Geschichte von Entstehung und Wirkung von "Jud Süß" aus
der Perspektive des Schauspielers Ferdinand Marian (Tobias Moretti),
der sich dem Wunsch von Goebbels (Moritz Bleibtreu) zu entziehen
versucht, um doch als des Teufels Schauspieler unter Harlan (schön
zwielichtig: Justus von Dohnányi) den Titelhelden zu spielen, der
auf fatale Weise Filmgeschichte schrieb. In der politischen Satire
brilliert Bleibtreu, der die Aussprache des Ministers bravourös hinkriegt,
als hinkender Mephisto, der mit Wonne manipuliert, überwacht, Fallen
stellt, den Film dominiert und Goebbels-Interpreten wie Ulrich Matthes
("Der Untergang") vergessen lässt. Moretti setzt dem die
stille Verzweiflung der Marionette entgegen, die den Fäden, die das
eh angeknackste Privatleben des Alkoholikers mit Ehefrau Anna (Martina
Gedeck) zerstören, nicht entkommt, mit "Jud Süß" identifiziert
wird und tragisch endet.
Das Melodramatische des Stoffes um manipulierte
Schauspieler, die Istvan Szabó in "Mephisto" mit Klaus
Maria Brandauer als dramatischen Pakt mit dem Teufel inszenierte,
hat es schwerer, aber ästhetisch kommt Roehler Harlans Originalfilm,
dessen zentrale Szenen er geschickt nachstellt, recht nah. Er fährt
in Sex-Szenen mit Gedeck und Gudrun Landgrebe derbe Geschosse auf,
und lässt in der Parallelhandlung mit dem jüdischen Schauspieler
Wilhelm Adolf Deutscher (Heribert Sasse), der das KZ überlebt, Ambivalenzen
zu. Das Drehbuch von Klaus Richter arbeitet mit historischen Änderungen,
etwa in Namensgebung und Marians weiterer Karriere. So profitiert
Roehlers schillerndes Nazi-Spektakel vom Tarantino-Effekt eines deutschen "Basterd" und
legitimer künstlerischer Freiheit. |