Wenn es jemals einen guten Zeitpunkt
für eine neue Doku von Michael Moore gegeben hat, dann jetzt, im
Jahr eins nach Bush, nach dem Finanzcrash, wo es nur noch Trümmer
aufzusammeln gibt. Nach dem zwar amüsanten, insgesamt aber doch eher
zahmen "Sicko" ist Moore hier wieder in seinem Element
und entlarvt mit klugem Humor, wie Reich in diesen Monaten der Not
wieder mal zur Kasse bittet. Ein bittersüßer Epilog zu seinen beiden
Klassikern "Bowling for Columbine" und "Fahrenheit
9/11". |
Michael Moore klärt wieder auf und prangert an -
und das in seiner ihm typischen unterhaltsamen Weise. Nach der Waffenindustrie
("Bowling for Columbine"), der Politik gegen den Terror
("Fahrenheit 9/11") und dem Gesundheitssystem ("Sicko")
geht der umtriebige Regisseur nun der Bankenkrise auf den Grund.
Die Fakten und Hintergründe, die Moore zur globalen Finanzkrise
präsentiert, mögen nicht neu sein, auch neuerste Entwicklungen sind
noch nicht verarbeitet. Aber der Filmemacher versteht es auf seine
unnachahmliche Weise, das komplexe Thema zu einem für jedermann verständlichen,
emotional ansprechenden und oft auch witzigen Einblick herunterzu
brechen. Natürlich wird nur eine Meinung dazu transportiert und das
vielleicht auch mit dem Holzhammer, eben "Capitalism according
to Mr. Moore", aber das so witzig und unterhaltsam, wie es Agitprop
selten ist. In seiner Art, zu klotzen statt zu kleckern, eröffnet
Moore sein Pamphlet gegen den Kapitalismus mit Szenen aus dem Römischen
Reich, das vom Untergang bedroht ist. Einen Lacher fordert er ein
mit einem Video, in dem Katzen die Klospülung drücken, mit dem Kommentar,
dass so etwas doch nicht etwa von den Menschen als Errungenschaft
in Erinnerung bleiben sollte. Später wird das Wirtschaftssystem von
den von ihm befragten Kirchenmännern als nichts weniger als eine
Sünde bezeichnet. Und eine Abgeordnete des Senats erklärt die Art
und Weise, wie es zur Vergabe von staatlichen Hilfen in Milliardenhöhe
an die Investmenthäuser kam, die mit ihren Produkten letztendlich
die Krise auslösten, als Coup d'Etat. Als besonders drastisches Beispiel
für die Ungeheuerlichkeit des Systems führt Moore auf, dass selbst
mit dem Tod von Mitarbeitern spekuliert würde. Spätestens dann hat
Moore selbst die im Publikum auf seiner Seite, die anfangs noch zurückhaltend
reagiert haben auf die von Moore interviewte Familie, die mit Tränen
in den Augen berichtet, wie sie ihr Haus verloren hat.
Einen erschöpfenden Einblick darf man sich allerdings nicht erwarten.
Als Moore etwa einen Finanzexperten um eine Erklärung für Derivate
bittet, lässt er ihn des Effekts willen mehrfach stottern. Und auch
eine Alternative zum verhassten Kapitalismus kann Moore nicht aufführen.
Doch seine Weltverbesserer-Überzeugung, die er seit 20 Jahren mit
seinen Filmen kultiviert, in denen er hartnäckig seinen Finger auf
die Übel der Gesellschaft richtet, nimmt man ihm immer noch ab. Er
glaubt daran, dass Menschen sich ändern können, eine Revolution selbst
herbeiführen können. So zeigt er auch eine von Community und Medien
unterstützte, erfolgreiche Hausbesetzung und eine Firma, in der jeder
Mitarbeiter Anteile hat und das gleiche verdient. Mag die Machart
seiner Filme mittlerweile bekannt sein und nicht mehr so originell
wie in seinen Anfangszeiten wirken, erfrischenden Witz und Frechheit
beweist er in diversen Szenen allemal, unbedingt vor allem in den
letzten, in denen er die Gebäude der großen Investmenthäuser in Manhattan
mit gelbem Crime-Scene-Band umwickelt. Und auch sein Gespür für die
perfekte, natürlich auch bekannte Musikuntermalung und die passenden
und starken Archivaufnahmen hat er sich erhalten. Lustige Werbeclips
ebenso wie Roosevelts ernste Rede zu den nicht mehr umgesetzten zusätzlichen
Rechten auf Bildung und einen adäquaten Arbeitsplatz finden ihren
Platz. Und sein Debüt "Roger & Me" eine adäquate Fortsetzung.
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