Little Hawaii hinter dem Weißwurstäquator:
Ohne Sandstrand, Palmen und Ozean, mitten im Herzen von München,
entstand der spektakuläre Dokumentarfilm „Keep Surfing“. Das Kinodebüt
des jungen Filmemachers Björn Richie Lob zeigt beeindruckend, wie
Enthusiasten ihren Traum vom Ritt auf der Welle Tausende Kilometer
entfernt von der nächsten Meeresbrandung realisieren. Auch wer kein
Surf-Anhänger ist, genießt diesen Einblick in die verschworene Subkultur
der akrobatischen Flusssurfer, angefangen von spirituellen Abenteurern,
eleganten Amazonen, bayerischen Surfphilosophen bis hin zu todesmutigen
Draufgängern. |
D 2009
- 94 Min.; ab 6;
Regie: Björn Richie Lob;
Darsteller: (Mitwirkende) Dieter Deventer, Eli Mack, Quirin Rohleder,
Walter Strasser, Florian Kummer, Gerry Schlegel, Steffen Dittrich,
Mark Steffan Gassner,
Markus Knörringer.
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Münchner wissen es. Und jeder Touristenführer verrät
es: Neben dem Haus der Kunst existiert ein schnell fließenden Seitenarm
der Isar namens Eisbach. Der produziert eine wunderbare, stehende
Welle, die sich sehr gut zum Surfen eignet. Das Überraschende ist
freilich, dass sich rund um diesen kleinen Spot tatsächlich eine
ganze Subkultur bildete, deren Enthusiasmus für diesen Sport ihr
Leben prägt. Ihre Begeisterung und Lebensfreude führte im Laufe weniger
Jahre zu einer stetig wachsenden, einzigartigen Gemeinschaft von
Flusssurfern. Surffans auf der ganzen Welt schwärmen inzwischen von
der perfekten Welle am Münchner Eisbach.
Surfer Björn Richie Lob zog vor zehn Jahren nur dieser Welle wegen
von Köln nach München. In seiner Dokumentation „Keep Surfing“ nimmt
der 35jährige Fotograf und Filmemacher dieses „kleine Hawaii“ jetzt
ganz dicht ins Visier als einen einmaligen Ort zwischen Rhythmus
und Freiheit. Der radikale Individualist zeigt die elegante Gleichgewichtsakrobatik
seiner Surfkollegen. Immer wieder filmt er ihre faszinierenden Kapriolen
dabei waghalsig auch selbst, erzählt spannend ihre Biografien und
besucht die Pioniere von einst. Sie hatten vor über 30 Jahren begonnen,
auf dieser Welle zu reiten. Damals noch mit selbstgebauten Brettern.
Es ist fast genauso wie in jedem großen Surferfilm, angefangen bei
John Milius' Klassiker „Big Wednesday“.
Denn sogar bei dieser Doku gibt es „The Big One“, die Welle von
immensen Ausmaßen, die töten kann. Nicht direkt auf der Isar. Obwohl
der Fluss, vor allem bei Hochwasser, schon sehr gefährlich sein kann.
Die Münchner Freunde Gerry Schlegel, Florian Kummer und Quirin Rohleder
finden ihre Herausforderung einmal in der überfluteten Rhône, dann
wieder in den gewaltigen Stromschnellen des kanadischen Skookumchuck.
Eine Gratwanderung zwischen ultimativen Kick und Todesnähe, wenn
einer besonders lange im Weißwasser-Wirbel verschwunden bleibt. Als
„Hold Down“ bezeichnen Surfer dieses Nahtod-Erlebnis.
Über fünf Jahre arbeitete Björn Richie Lob mit Herzblut an dem abenteuerlichen
Projekt. Seine Mission hat sich gelohnt. Ihm gelangen großartige
Aufnahmen mit High-Speed-Kameras. Seine Dokumentation, die auf dem
Münchner Filmfest mit dem Publikumspreis ausgezeichnet wurde, besitzt
alles was das Surfen ausmacht: Herrliche Bilder, dramatische Geschichten,
bewegende Gefühle. „Ich wollte die Geschichte des Flusssurfens“,
verrät der Regisseur und leidenschaftliche Wellenreiter, „über seine
Personen erzählen, weil es lebendiger und authentischer ist“. Und
tatsächlich machen, neben dem rauen Stil, nicht zuletzt die ungewöhnlichen
Lebensentwürfe seiner Protagonisten den besonderen Charme dieser
Surfer-Hymne aus. Sie vermitteln vor allem eines: anarchistischen
Spass an der Freude. Ein Film, wie ein ungeschliffener Diamant, der
so manche millionenschwere Produktion alt aussehen lässt. |