In der an Skandalen wahrlich nicht armen Karriere des Klaus Kinski, hatte der 20. November 1971 – an dem die Rezitation eines von Kinski verfassten Textes durch Zwischenrufer und Störer verhindert wurde – stets einen besonderen Ruf. Kinski-Biograph Peter Geyer hat nun mittels Dokumentaraufnahmen den Abend nachgezeichnet und ein faszinierendes Zeitporträt geschaffen. Denn weniger Kinskis Text über seine Sicht auf den „wahren“ Jesus bleibt in Erinnerung, als die selbstgefälligen Auswüchse der Diskussions(un)kultur der Zeit.
D 2008 - 84 Min.; ab 12; Regie: Peter Geyer.

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JESUS CHRISTUS ERLÖSER ist ein grandioses Dokument des Scheiterns, eines, das man selten zu sehen bekommt. Kinski ließ in eigenem Auftrag den Abend von vier Kameras filmen, auf 16 mm. Heute ist es nicht mehr nachvollziehbar, weshalb einige Tausend Menschen 10 DM zahlten, nicht mit der Absicht, ihrem Idol zu lauschen, sondern den Vortrag vorsätzlich zu torpedieren. Nicht die Konservativen, gegen die sich der Text, eine Kinski-Interpretation des Neuen Testaments richtete, störten den Vortrag. Sie lauschten andächtig, schließlich wollten sie etwas geboten bekommen fürs Eintrittsgeld. Nein, die anderen, die, mit denen Kinski sympathisierte, für die er den Text eigentlich geschrieben hatte, sie fielen ihm in den Rücken. Sie wollten nicht zuhören, sie wollten diskutieren.

Kinski nutzte dieses Material zu Lebzeiten nie. Zu seiner dritten Ehefrau Minhoi sagte er: "Wenn ich das täte, würde das Pack mir nur nachsagen, dass ich ein schlechter Verlierer sei. Solange ich lebe und nicht irgendwelche beschissenen 'Lifetime achievement awards' küsse, würden die mich nur noch mal ans Kreuz schlagen. Das musst du nach meinem Tod versuchen, dann werden sie mich endlich vermissen." Jahrzehntelang passierte nichts mit dem umfangreichen Material eines unvergesslichen Abends, bis Peter Geyer von Minhoi das Material zur Verfügung gestellt bekam. Der hatte ein bisher unveröffentlichtes Manuskript Kinskis ersteigert und sich mit seinem Fund an Minhoi gewandt. Diese war froh, dass sich endlich einmal ein seriöser Mensch an sie wandte, der bereit war, sich dem Nachlass eines der genialsten deutschen Schauspieler zu widmen. Minhoi: "Wer auch immer uns in den letzten Jahren wegen Klaus kontaktiert hat, war ganz offensichtlich verrückt." Davon ist Peter Geyer weit entfernt. Er ist ein braver Archivar, der sich den ganzen Berg von 16mm-Material geschnappt und sich an ihm abgearbeitet hat. Das Ergebnis ist deshalb so spannend, weil sich dieser hochspezielle Abend des Scheiterns unkommentiert dokumentiert. Das Zucken im Gesicht Kinskis, seine spontanen Reaktionen auf die Ruhestörer, sein Zorn, seine Hilflosigkeit, all das zeigt JESUS CHRISTUS ERLÖSER hautnah.

Kinski predigt von Jesus, dem geduldigen Sohn Gottes, und lässt sich selbst schon durch kleine Bemerkungen sofort provozieren. Brüllend kontert er: "Das ist ja wie vor 2000 Jahren. Dieses Gesindel ist noch beschissener als die Pharisäer. Die haben Jesus wenigstens ausreden lassen, bevor sie ihn angenagelt haben." Aber das war noch lange nicht alles. Es gibt einen Epilog. Irgendwann schickt Kinski die Unruhestifter hinaus in die Nacht und sammelt seine Jünger um sich. Um die Hundert bleiben, sie lauschen dem Meister, der mit leiser, rauer Stimme zum großartigen Finale ansetzt. Er liest ihn noch mal, seinen ganzen Text, bis tief in die Nacht hinein. Später schreibt Kinski in seinen Memoiren über dieses Ende: "Meine Erschöpfung ist wie weggeweht. Ich fühle meinen Körper nicht mehr. Um zwei Uhr früh ist alles zu Ende." Fast ist es, als sei Kinski noch einmal zu uns gekommen, um erneut seine Botschaft zu verkünden. Damals wollten sie ihn nicht hören, jetzt schon. Die Zeiten haben sich geändert.