Eine Clique von Freunden Ende
30 macht mit ihren Frauen in Cap Ferrat Urlaub - mit ein bisschen
schlechtem Gewissen, denn ein Freund liegt gerade im Krankenhaus.
Doch alsbald lassen sie es krachen beim Feiern im Haus eines reichen
Freundes. Dabei gibt es auch Reibereien. So sind die Herren eifersüchtig
aufeinander, sei es ob des beruflichen Erfolgs oder der Frauen. Der
brave Familienvater Vincent kämpft mit seinen homosexuellen Neigungen,
die sexuell hungrige Marie will nicht treu sein. Sommerliche Tragikomödie,
die ähnlich wie die Klassiker "Der große Frust" oder "Peter's
Friends" eine Gruppe von Freunden unter die Lupe nimmt, allerdings
weniger tiefschürfend und weniger bissig. Für sein Ensemblestück
versammelte Guillaume Canet, der zuletzt mit "Kein Sterbenswort" einen
komischen Thriller ablieferte, die Crème de la Crème der schauspielenden
Kollegen, wie Benoit Magimel, Jean Dujardin oder Marion Cotillard.
In seiner Heimat landete er einen Publikumshit.
...unverschämt unterhaltsames Sommerkino, das sich sicher zwischen
Urlaubsspaß und melodram bewegt.
KulturSPIEGEL |
Es ist Sommer. Und jedes Jahr im Sommer
geht es für ein knappes Dutzend Freunde an die südwestfranzösische
Atlantikküste nach Cap Ferret, in das Ferienhaus von Max (François
Cluzet). Doch noch sind sie alle in Paris, und das Schicksal will
es, dass einer von ihnen, Ludo (Jean Dujardin), nach einem Discobesuch
auf seinem Motorrad urplötzlich an einer Kreuzung von einem Transporter
erwischt wird. Ludo kommt auf die Intensivstation, wo er mit dem
Leben ringt. Die Freunde sind bestürzt, vor allem auch Ludos Ex-Freundin
Marie (Marion Cotillard). Sukzessive versammeln sich alle im Krankenhaus.
Und, nachdem sie alle bei ihm waren, beginnen sie bereits draußen
auf der Straße darüber zu diskutieren, ob sie nun überhaupt ohne
ihn an den Atlantik fahren können oder alle in Paris bleiben. Trotz
Maries heftiger Proteste entschließt sich die Clique, zu fahren.
Was hat der Schwerkranke schließlich davon, wenn sie alle seinetwegen
hier bleiben und bangen und hoffen würden?! In Cap Ferret angekommen,
gehen die Befindlichkeiten, Eifersüchteleien und Verletzungen untereinander
alsbald los. Der pedantische, stets angespannte Max regt sich noch
am Ankunftstag über den Zustand des Anwesens und des Rasens auf.
Der wahre Grund für seinen Zorn liegt woanders: Vincent (Benoît Magimel)
hat ihm noch vor der Abreise gestanden, dass er eine Zuneigung für
ihn empfinde, die über freundschaftliche Sympathie hinausgeht. Und
das, obwohl Vincent ganz gewiss nicht schwul sei, Frau und Kind hat.
In jeder Geste, in jedem Blick Vincents vermutet Max nunmehr eine
versteckte Avance. Véronique (Valérie Bonneton), Max' Frau, und Isabelle
(Pascale Arbillot), Vincents Frau, spüren beide, dass da etwas nicht
stimmt. Derweil nerven Èric (Gilles Lelouche) und Antoine (Laurent
Lafitte) die Gruppe mit ihrem akuten Liebeskummer, wurden sie doch
beide von ihren Freundinnen verlassen. Als schließlich auch noch
einer der diversen Liebhaber Maries auftaucht, und sie, die sie einerseits
viel an Ludo denken muss, andererseits panische Bindungsängste hat,
noch mehr aus dem Gleichgewicht fällt, da ist es mit Harmonie und
Erholung im Gruppenurlaub endgültig vorbei. Regisseur Guillaume Canet,
seines Zeichens eigentlich und hauptsächlich Schauspieler, legt mit "Kleine
wahre Lügen", der im Original ungleich prosaischer "Les
petits mouchoirs" ("Kleine Taschentücher") heißt,
seine dritte Regiearbeit vor, zu der er auch das Drehbuch verfasste. "Kleine
wahre Lügen" ist ein klassischer Ensemblefilm, der ob seiner
Einheit des Ortes zum Kammerspiel im Freien gerät. Regisseur Guillaume
Canet knüpft damit durchaus an eine Tradition des französischen Films
an, nicht nur an die sommerlichen Etüden des großen Eric Rohmer,
sondern auch und gerade an die wunderbaren Ensemblefilme von Claude
Sautet, insbesondere etwa an "César et Rosalie" (1972),
mit Romy Schneider, Yves Montand und Isabelle Huppert, der in Paris
und in Sète spielt, in der Vendée an der Atlantikküste. Und ähnlich
wie bei Sautet geht Canet dem auf dem Grund, was hinter allem liegt,
das diese verletzten, teils schon in die Jahre gekommenen Menschen
antreibt. Hoffnungen wurden enttäuscht, Träume sind geplatzt, Beziehungen
kaputt gegangen - all dies liegt hier unter dem vordergründigen Geplänkel,
das sich die Freunde vielleicht gerade deswegen liefern. Es sind
Menschen, die sich und den anderen etwas vormachen. Die behaupten
oder wünschen, ein anderer zu sein. Vielleicht liegt es auch an der
epischen Länge von stattlichen 154 Minuten, dass Guillaume Canet das
tiefgründige Beleuchten dieser Menschen so gut gelingt. Ein jeder
wird sich in diesem berührenden Filmjuwel wiedererkennen. Das kann
amüsieren, das kann aber auch schmerzen.
Thilo Wydra (KinoKino) |