Im Jahr 1910 begegneten sich der Komponist Gustav Mahler und der Psychoanalytiker Sigmund Freud einen Nachmittag lang. Mahler hatte Freud um den Termin gebeten, weil seine junge Frau Alma ihn betrogen hatte. Was genau die beiden an diesem Tag geredet haben, ist nicht belegt. Percy und Felix Adlon haben das Ereignis zum Anlass genommen, einen postmodernen Kostümfilm zu drehen, der es schafft, das Wissen um die Konstruktion von Geschichte(n) mit großem Melodrama zu verbinden.



Deutschland / Österreich 2010 - 101 Min.; ab 12;
Regie: Percy Adlon, Felix Adlon;
Darsteller: Johannes Silberschneider, Karl Markovics, Barbara Romaner, Friedrich Mücke, Eva Mattes, Lena Stolze, Nina Berten, Michael Dangl.

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MAHLER AUF DER COUCH variiert die Standardfloskel „Nach einer wahren Geschichte“ ein wenig. Bei Percy und Felix Adlon heisst es stattdessen im Vorspann: „Dass es geschah ist verbürgt. Wie es geschehen ist, haben wir erfunden.“ Damit verschieben die beiden Regisseure gleich zu Anfang die Betonung vom Authentischen zum Fiktionalen. Realität, zumal historische, ist nur durch subjektive Brechungen zu haben. In MAHLER sind es mindestens zwei: die Erfindungsfreude der Autoren und die machmal auch „falschen“ Erinnerungen Mahlers. Gelegentlich kommen auch noch andere Zeitzeugen hinzu, die direkt in die Kamera ihre Eindrücke des Ehepaares Mahlers schildern und um weitere subjektive Perspektiven ergänzen.

Das Spiel mit den Brechungen ist oft humorvoll. In einer Szene ziemlich zu Anfang erzählt Mahler Dr. Freud, wie glücklich er und seine Alma waren. Zu sehen ist ein überglücklicher Komponist, der aus dem Sommerhaus stürzt und ruft „Alma, die Sechste ist fertig!“, worauf ihm seine Frau, im weißen Kleid und umstrahlt von jenseitig hellem Sonnenlicht, entgegen hüpft und ihn innig umarmt. Später erfahren wir von Freunden, aber auch von Mahler selbst, dass er sie gezwungen hat, das Komponieren aufzugeben, um sich ganz ihrer Rolle als versorgende Ehefrau widmen zu können. Die mehr analytische als ironische Distanz der Regisseure zum Geschehen ist in allen Szenen und auch in den Bilder zu spüren, die mit ihren überstrahlenden Lichtquellen die Ästhetik von Traumbildern oder Kindheitserinnerungen aufgreifen.

Gleichzeitig nimmt der Film Mahler in seiner Verzweiflung ernst. Bereits im Vorspann wechseln sich in dramatischer Folge Bilder des Komponisten, der sich schlaflos im Zugabteil wälzt, mit Bildern seiner 20 Jahre jüngeren Frau Alma beim leidenschaftlichen Sex mit dem jungen Walter Gropius ab. Unterlegt ist die Szene völlig ironiefrei mit Ausschnitten aus Mahlers unvollendeter 10. Sinfonie. Gequält und zerschlagen kommt Mahler im holländischen Leiden an. Zunächst will er dennoch nichts von sich preisgeben und sich schon gar nicht auf die Couch legen. Er kann sich auch nicht erklären, warum Alma ihr Liebesglück zerstört. Erst die Frage Freuds, ob er sich denn schuldig fühlen würde, bringt ihn – nachdem er sie erst vehement verneint - zum Erzählen.

Aus seinen Erinnerungen entsteht nach und nach und für Mahler selbst völlig überraschend die Geschichte einer Ehe, in der die Frau ihr Leben völlig den Bedürfnissen des älteren, genialen Mannes untergeordnet hat. Alma, die vor ihrer Hochzeit eine Königin der Wiener Sezession war, gibt nach ihrer Hochzeit die Musik völlig auf und widmet sich nur noch ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter. Wie alle in Mahlers Umgebung passt sie sich in den rigorosen Tagesablauf des Meisters ein. Dabei leidet gerade das Band, dass die beiden eigentlich am meisten verbindet: das gemeinsame Interesse an der Musik.