Sind das nicht die schönsten Rollen,
in denen Schauspieler einfach so sein dürfen, wie sie sind? Gérard
Depardieu jedenfalls empfand dies so, nachdem er in der höchst schrägen
Komödie von Benoît Delépine und Gustave Kervern der zottelige Ex-Schlachter
Serge Pilardosse sein durfte. Unterwegs auf einem alten Motorrad
fährt er an Orte seiner Vergangenheit und lernt, auch neue Seiten
an sich selbst, vor allem aber die Liebe zum Leben zu entdecken. |
F
2010
- 92 Min.; ab 12;
Regie: Benoît Delépine, Gustave de Kervern;
Darsteller: Gérard Depardieu, Yolande Moreau, Isabelle Adjani, Miss
Ming, Benoît Poelvoorde, Albert Delpy, Bernard Geoffrey, Serge Larievier,
Christian Hinckeri.
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Da sitzt er nun vor einem 2000-Teile-Puzzle, das
ihm die Kollegen aus der Schlachterei zum Abschied in den Ruhestand
geschenkt haben. Zeit dafür hätte Serge Pilardosse (Gérard Depardieu)
ja nun. Doch puzzeln ist nicht Sache des tumb wirkenden Kolosses,
der von seiner Statur und seinen langen fettigen Haaren ganz an Mickey
Rourkes Figur „The Wrestler“ erinnert. Die Äußerlichkeit scheint
jedoch nicht die einzige Gemeinsamkeit mit dem in seiner eigenen
Welt gefangenen Oldie zu sein. Auch mit seiner Zukunft weiß der ausgebrannte
Hüne nicht viel anzufangen. Schon an seinem ersten Tag als Rentner
widerfahren ihm seltsame Dinge und ist zu erahnen, dass die plötzliche
Freiheit und reichliche Freizeit ihm und seiner resoluten wie missmutigen
Frau (Yolande Moreau) eher Konflikte denn Freude über gemeinsame
Stunden bringen wird.
Da trifft es sich gut, dass Pilardosse von
der Rentenbehörde geraten bekommt, Verdienstbescheinigungen früherer
Arbeitgeber beizubringen, auch wenn sich dies bei all den lausigen
Aushilfsjobs und windigen Chefs als reichlich schwierig herausstellt.
Auf seiner alten, lange nicht mehr bewegten Münch-Mammut aus den
70er Jahren macht sich das menschliche Mammut auf zu den Stationen
seines früheren Lebens. Die Begegnungen auf dieser Reise in die Vergangenheit
reiht das auf skurrile Außenseitergeschichten spezialisierte Filmemacherduo
Benoît Delépine und Gustave Kervern („Louise hired a contract killer“,
„Aaltra“) ohne erkennbaren Handlungs- oder Entwicklungsfaden aneinander.
Wiederkehrend sind allein die Traumsequenzen, in denen sich Pilardosse
an jenen tragischen Moment erinnert, der seine frühere Geliebte Yasmine
auf dem Rücksitz seines Motorrads das Leben kostete.
Isabelle Adjani
spielt das sicher bewusst übertrieben geschminkte Unfallopfer als
ein Gespenst aus einem schlechten Horrorfilm, ein Geist eben, der
den nun in die Jahre gekommenen alten Mann möglicherweise zu jenem
menschenscheuen Wrack gemacht hat, das er vielleicht erst durch diesen
Schicksalsschlag geworden ist. Immerhin bringen ein Mundharmonika
spielender Totengräber, seine auf seltsamen Künstlerpfaden wandelnde
Nichte (Miss Ming) und ein wie in jungen Jahren gegenseitiger Selbstbefriedigung
nicht abgeneigter Cousin den Antihelden auf andere Gedanken.
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der seltsamen, wie aus heiterem Himmel in den Film fallenden Ereignisse
sollten aber nicht preisgegeben werden, lebt diese zwischenrein auch
immer wieder mit grobkörnigen und retromäßig mit einer 16-mm-Kamera
aufgenommenen Bildern angereicherte Anarcho-Komödie doch von ihrer
Vielzahl schräger und skurriler Einfälle. Man kann sich gut vorstellen,
welchen Spaß es Gérard Depardieu gemacht haben muss, hier einfach
nur der traurig traumatisierte Brummbär sein zu dürfen, der langsam
entdeckt, dass er – trotz aller Missgeschicke, die ihm auch auf seiner
Reise passieren - gar nicht der Idiot ist, für den alle anderen ihn
halten und gehalten haben. Vor allem die verrückte Nichte ist es,
die ihm mit ihrer Naivität und kreativen Seele die Augen für das
Schöne im Banalen öffnet, ihn die Poesie des Lebens und der Fantasie
entdecken lässt – und nicht zuletzt die Liebe zu seiner nicht minder
originellen Frau. Manchmal braucht es eben einen Trampel wie diesen
Serge Pilardosse, um diese heilbringende Botschaft verständlich zu
machen. |